Augenzeugenbericht von der Verschleppung Abdullah Öcalans

März 1999


Semsi Kilic, ERNK - Europasprecherin, war eine der Begleitpersonendes Vorsitzenden der PKK, Abdullah Öcalan, seit seiner Abreise ausRom am 16. Januar 1999 bis zu seiner Entführung aus Kenia am 15. Februar1999. Nachfolgend dokumentieren wir ihren in MED-TV ausgestrahlten Berichtüber den Ablauf der Ereignisse:
Es ist allgemein bekannt, daß der Parteivorsitzende am 16. JanuarItalien verlassen hat und daß seine Ausreise nach vielen Gesprächen und Abmachungen mit der italienischen Regierung erfolgte. Der Parteivorsitzendehatte einige Tage lang mit direkten Beauftragten D’Alemas Diskussionenüber die Zukunft geführt, wobei mehrere Beschlüsse gefasst wurden: Unter anderem gab es die Zusage von d’Alema und der italienischenRegierung, daß Italien seine Bemühungen fortsetze, um die Voraussetzungen für einen Aufenthalt des Parteivorsitzenden in einem Drittstaat zuschaffen. Da dem Vorsitzenden jedoch auch die Möglichkeit eines italienischen Regierungssturzes dargestellt worden war, wollte er die italienische Regierungkeiner weiteren Belastung aussetzen, da sie dem kurdischen Volk gegenübereine positive Einstellung gezeigt hatte und ihm selbst während seinesAufenthaltes in Italien wohlwollend entgegengekommen war. Um ruhigere Rahmenbedingungenzu schaffen für die in den europäischen Staaten begonnene rechtlicheEntwicklung und zur effektiveren Fortsetzung des Diskussionsprozesses,der mit seiner Reise nach Rom unter den Mitgliedstaaten der EuropäischenUnion begonnen worden war, entschied sich der Vorsitzende, Italien zu verlassenund sich eine Zeit lang in anderen Staaten aufzuhalten.
Am 16. Januar traf er in Moskau ein. Zur Wahrnehmung seiner eigentlichenAufgaben wollte er nach einem kurzen Aufenthalt zu seinem Ziel - Europa- zurückkehren. Er beabsichtigte, in den Niederlanden vor dem InternationalenKriegsverbrechertribunal den Völkermord des türkischen Staatesam kurdischen Volk anzuzeigen und die Realität des kurdischen undtürkischen Volkes und des türkischen Staates offenzulegen. Erverließ Moskau mit dem Ziel, seine Mission fortzusetzen: Am 29.Januarreiste er wieder nach Europa, nach Athen. Dort gab es Treffen mit Verantwortlichen,um Gespräche zu führen, an denen unter anderen MinisterpräsidentSimitis, Außenminister Pangalos, Innenminister Populupolas, der Ministerfür öffentliche Sicherheit und der Chef des Geheimdienstes Savrakakisteilnahmen. Über den Inhalt weiterer Gespräche wurde dieser Personenkreisinformiert. Aufgrund vorangegangener Bemühungen hatte Athen füreine politische Lösung der Kurdistanfrage Initiativen ergriffen. Wirhaben während dieser Zeit die von uns namentlich benannten Persönlichkeitenals Personen kennengelernt, die sich mit ihren Initiativen dem kurdischenVolk gegenüber wirklich solidarisch verhalten. Sie schienen in derLage zu sein, ihm bei der Verwirklichung seiner Selbstbestimmung freundschaftlicheUnterstützung zu leisten.
Ich möchte folgendes hervorheben: Keinesfalls möchte ichin dieser Sache die Regierung als Ganzes einbeziehen. Im Verlauf der Entwicklunghat sich herausgestellt, daß sich eine Person, deren Name auch vonAthen genannt worden ist, tatsächlich an dem internationalen Komplottbeteiligt hatte. Sie unterhielt mit der Türkei, dem CIA und dem Mossaddirekte Beziehungen sowohl auf nachrichtendienstlicher Ebene als auch alsTeilhaber am internationalen Komplott.
Bis zum 30. Januar hielt sich Abdullah Öcalan in Athen auf. Diegenannten Verantwortlichen machten dem Vorsitzenden ständig Versprechungen,gaben jedoch auch Garantien: es sei vieles in positiver Hinsicht machbar,wenn ihnen nur Zeit eingeräumt würde, um die internationale Öffentlichkeitund die EU in Bewegung setzen zu können. Deswegen erwog unser Vorsitzender,nochmals einige Zeit im Ausland zu verbringen, um dann endgültig inein europäisches Land einzureisen. Diese Reise bzw. Tragödiewar unmittelbar durch die griechische Regierung, das heißt von denbereits genannten griechischen Vertretern vorbereitet worden. Sie gabenauch das Versprechen, das Asylbegehren unseres Vorsitzenden anzuerkennen,wofür sie allerdings ein wenig Zeit benötigten. Mit einem zurVerfügung gestellten Flugzeug wurde am 30. Januar die Reise nach Minskangetreten, von wo aus ein anderes Flugzeug den Vorsitzenden und seineFreunde mit nach Den Haag nehmen sollte. Die Freunde, die Patrioten undunser Volk werden sich noch sehr gut daran erinnern, da sie zu Hundertenam Ankunftstag auf den Vorsitzenden in Den Haag am Flughafen warteten....Bei der Ankunft in Minsk stellte sich heraus, daß dieses zweite Flugzeuggar nicht existierte. Sieben Stunden lang saßen wir am Flughafenfest, womit sie versuchten, die Insassen durch das lange Warten-lassenin einem defekten Flugzeug bei -20° Frost zum Ausstieg zu bewegen undden Parteivorsitzenden und seine Begleiter zum Passagierterminal zu locken.Die Flugzeugbesatzung bekam während dieser Zeit unmittelbar aus Pangalos’Büro die von Simitis gegebene Anweisung, die Besatzung solle den Parteivorsitzendenund seine Begleiter verlassen und zurückkehren. Es gab keine Alternative.Es ist völlig eindeutig, daß in Zusammenarbeit mit dem CIA,Mossad und der Türkei gehandelt wurde. Nachdem die Freunde sich weigerten,das Flugzeug zu verlassen, wurde es nach Athen dirigiert.
Am 31. Januar wurde der Vorsitzende umgehend auf der Insel Korfu einquartiertund die Verhandlungen begannen von vorn. Einerseits wollten sie, daßer das Land verläßt; andererseits hinderten sie Befürchtungenvor dem eigenen, dem griechischen Volk, das eine freundschaftliche Beziehungzu dem kurdischen Volk unterhält, daran, ihn direkt auszuweisen undpreiszugeben. Es fanden weitere Gespräche statt. Pangalos teilte demParteivorsitzenden mit, ihn persönlich treffen zu wollen. Er sichertezu, daß bis dahin alles auf der Ebene des Völkerrechts Erforderlichegetan sein würde. Er sagte “Herzlich Willkommen. Ich bin erfreut,Sie in Griechenland begrüßen zu dürfen, Sie im Namen meinesVolkes empfangen zu dürfen.” Es war jedoch so, daß nicht Pangalosselbst kam, sondern daß dieser den Chef des Geheimdienstes, Savrakakis,schickte, wodurch er seine eigene Unernsthaftigkeit und Schwäche offensichtlichmachte. In stundenlanger Diskussion wurde ausgehandelt, den Aufenthaltsortdes Parteivorsitzenden erneut zu verlegen. Anweisungen dazu wurden demParteivorsitzenden persönlich durch Simitis und Pangalos mitgeteilt.Vorbereitungen zur Bereitstellung eines Flugzeugs wurden getroffen. Alswir mit einem Militärfahrzeug zum Flugzeug gefahren wurden, durchbrachein Flügel des Flugzeugs das vordere Fenster dieses Wagens, was eindeutigVorsatz war. Da man den Parteivorsitzenden nicht einfach dem MIT ausliefernkonnte, versuchte man, ihn durch einen solchen inszenierten Unfall zu ermorden.Verantwortlich hierfür sind Simitis und Pangalos. Die begleitendenkurdischen und anderen Freunde wurden an Händen und Gesicht verletzt.Wiederum mußten wir auf die Bereitstellung eines Flugzeuges warten.Nachdem es da war, wurde uns nur mitgeteilt, daß wir nach Afrikagebracht würden. Ein Land wurde nicht genannt. Die Odyssee ging weiter.Am 1. Februar landeten wir in der Hauptstadt Kenias, Nairobi. Auch demVorsitzenden war der Zielort vorher nicht genannt worden. Wir hatten vermutet,daß der Flug nach Südafrika gehen würde, aber dem war nichtso. Der Vorsitzende wurde im Haus des griechischen Botschafters in Keniauntergebracht, wo er sich auch bis zum Zeitpunkt seiner Entführungaufhielt. Ihm wurde folgendes mitgeteilt: “Sie werden sich für dienächsten zwei Monate hier aufhalten, ohne daß Sie mit Problemenzu rechnen haben. Nach dieser Zeit der Vorbereitung werden Sie nach Südafrikaweiterreisen, das keine ablehnende Haltung zeigt. Die Kontakte und Verhandlungenmit Südafrika werden durch Griechenland geführt. Wenn die Vorbereitungenbeendet sind, ist die Einreise dann kurzfristig und problemlos.”
Die Tatsachen entsprachen in keiner Weise den Versprechungen. Am zweitenTag in Nairobi intensivierte sich schon der Druck auf den Botschafter durchkenianische Staatsbeauftragte, die nur eine Forderung stellten: der Parteivorsitzendensolle sofort das Haus des Botschafters verlassen und zur Gewährleistungseiner Sicherheit an einem geheimgehaltenen Ort, etwa in einer Kirche odereinem Bauernhof, untergebracht werden. Dann könnten die notwendigenVorbereitungen getroffen werden, jedoch sein weiterer Aufenthalt in derBotschaft würde die Aufmerksamkeit auf sich lenken.
Von außen betrachtet klang das zwar logisch. Aber trotzdem hatder Parteivorsitzende mit großer Sensibilität und Voraussichtbeschlossen, das Haus des Botschafters nicht zu verlassen. Inzwischen wissenwir alle, daß in dieser Zeit parallel dazu MIT, Mossad und CIA ihreVorbereitungen getroffen haben. Es wurden Spezialisten eingesetzt, diedas Haus, in dem sich der Parteivorsitzende befand, das gesamte Botschaftsgeländeund die Umgebung ständig beobachteten und filmten. Wir hatten keinedetaillierten Erkenntnisse darüber, aber wir konnten es vermuten.Es gab intensive Überlegungen und ständiges Hinterfragen. Indieser Zeit führte der Parteivorsitzende Gespräche mit seinemitalienischen Anwalt, der zuvor auch in Griechenland gewesen war und nuneinen offiziellen Asylantrag für Griechenland mitnahm. Wir erfuhren,daß sowohl der Anwalt aus Griechenland als auch der aus Italien amFlughafen aufgehalten wurden und verstanden, daß das bedeutete, daßsie wußten, wo wir uns befanden. Wir fragten uns nach dem Grund fürdie Stille. Uns wurde klar, daß das Schweigen auf einer Vereinbarungmit Griechenland beruhen mußte. Sie, die Kidnapper, trafen ihre Vorbereitungenauf verschiedenen Ebenen. Bis zum Freitag letzter Woche hat sich die Entwicklungzugespitzt und die nachfolgenden Tage haben unsere Vermutungen bestätigt.Der Druck nahm zu. Am Freitag riefen die kenianischen Verantwortlichenden Botschafter in einer dringenden Angelegenheit zu sich. Der Botschaftergab vor, krank zu sein und verschob den Termin auf Montag.
Da wir ständig draußen unterwegs waren, um Beziehungen aufzubauen,bekamen wir viel vom Geschehen mit. In der Botschaft wurde offensichtlichetwas vorbereitet, was unseren Verdacht erregte. Es gab heftige Auseinandersetzungenzwischen Einzelnen und ernsthafte Diskussionen übers Telefon. Diesließ uns die Gefahr deutlich erkennen. Wir informierten den Parteivorsitzenden,daß in direktem Auftrag des Außenministers Pangalos vier griechischePolizisten nach Nairobi gekommen seien, vorgeblich um ihn zu schützen,tatsächlich aber bestand der Auftrag dieser Sicherheitskräftedarin, Abdullah Öcalan zu betäuben und zu entführen. AbdullahÖcalan begann Gespräche, er stellte die negativen Konsequenzendar und forderte, solche Vorhaben sofort zu stoppen, und statt dessen vernünftigund besonnen zu sein und keine Feindseligkeiten zwischen den Völkernzu schüren. Pangalos sah sich gezwungen, seine Polizisten zurückzuziehen.Vorher hatten unsere Freunde Gelegenheit, mit diesen Polizisten Gesprächeüber ihre Aufgabe und ihre Auftraggeber zu führen. Sie antwortetendarauf, daß sie nicht genau wüßten, wieso, wozu und aufwessen Anweisung hin sie hier seien, aber daß sie weder ihr eigenesnoch das kurdische Volk verraten würden. Sie bereiteten sich auf ihresofortige Rückkehr vor, aber sie wurden am Flughafen von Nairobi festgenommenund für mehr als 24 Stunden inhaftiert. Am Samstag und Sonntag kames für alle zu wirklich schwierigen Momenten. Am Sonntag Nachmittagkamen erneut Vertreter Kenias und teilten uns mit, daß sich die Situationnormalisiert habe. Pangalos habe zugesichert, daß Vorbereitungengemäß internationalem Recht getroffen würden. Das war natürlichwieder eine große Lüge. Der Montag dann wurde sowohl fürdas kurdische als auch für das griechische Volk und für die Menschheitein schlechter Tag. Am Morgen kam der Botschafter nach dem Gesprächmit den kenianischen Vertretern mit Versprechungen zurück, in denenauch Griechenland eine Rolle spielte: Man habe sich darauf geeinigt, daßAbdullah Öcalan in ein selbstgewähltes, europäisches Landgeschickt werden solle, in Begleitung des Botschafters, was als Zeichender Ehrlichkeit und als Garantie dienen solle. Es sei alles vorbereitet,er könne sich am selben Tag um 17.30 Uhr auf den Weg machen, das Flugzeugsei bereit. Die in der Botschaft befindlichen Freunde teilten den kenianischenSicherheitskräften mit, daß sie noch warten sollten, da zweiFreunde sich noch außerhalb der Botschaft befänden. Als wirankamen, waren Polizisten aus Nairobi und Einheiten des Geheimdienstesdes Innenministeriums mit fünf Wagen vor der Botschaftstür. DieVorbereitungen waren getroffen und sie warteten auf uns, um endlich loszufahren.Der Parteivorsitzende war bereit und forderte uns auf, uns so schnell wiemöglich auf den Weg zu machen. An dem Punkt gab es zwischen uns eineheftige Auseinandersetzung. Wir sagten, daß wir den Ort nicht verlassenwollen, weil wir ein Komplott befürchteten und wir keine Sicherheithätten über den weiteren Verlauf. Ich hatte vorher ein Telefonatgeführt mit jemandem, der sich vorgeblich für den Parteivorsitzendeneinsetzt, und von diesem die ausdrückliche Zusage erhalten, daßalles vorbereitet sei, es keinen Grund zur Beunruhigung gäbe und wiruns auf den Weg machen könnten. Sein Verhalten und die im Hintergrunddes Telefonats zu hörenden Stimmen beunruhigten uns sehr, und wirsagten ihm: “Sag denen, die bei Dir sind, wir gehen hier nicht raus, wirwerden auf euer Spiel nicht hereinfallen!” Wir beendeten das Gesprächund kehrten zurück. Wir wußten nicht, welche Möglichkeitenwir noch hatten. In der Botschaft war die Situation auch unklar, und wirsagten ausdrücklich, daß wir die Botschaft nicht verlassen wollen.Aber der Parteivorsitzende wies auf die Zusicherungen hin, die sie unsgegeben hätten, wir sollten also gehen und uns nicht so emotionalverhalten. Wir bedrängten ihn in einer mehr als halbstündigenheftigen Diskussion. Wir verlangten, den Wagen des Botschafters fürdie Reise zu nehmen, was dieser auch befürwortete, denn sowohl indessen Wohnung, als auch in dessen Auto genießt dieser diplomatischeImmunität, was für Abdullah Öcalan zwar keine hundertprozentigeSicherheit bedeutete, aber immerhin Bewegungsfreiheit ermöglichte.Dem Parteivorsitzenden sollte nicht erlaubt werden, im Auto des Botschafterszu reisen wegen angeblich getroffener, besonderer Sicherheitsmaßnahmen.Der Botschafter widersetzte sich dem lange, der Parteivorsitzende jedochließ sich dazu drängen, in den vorbereiteten Wagen einzusteigen,da dies den Abmachungen entspreche. Uns wurde die Fahrt in diesem Wagenverweigert. In dem Augenblick kam eine Nachricht aus Pangalos´ Büro:“Sie werden euch in irgendein europäisches Land fliegen, die Zusicherungliegt vor, mit dem Staat wurde geredet, es gibt kein Problem, ihr könntlosfahren.”
Nach Pangalos Zusicherung entschied der Parteivorsitzende, wir könntenlosfahren; ehrlich gesagt konnten wir die Haltung des Parteivorsitzendennicht verstehen. Aber unserer Einschätzung nach konnte er vieles verstehen.Wir hatten ihn vorher schon darauf hingewiesen, daß dieses Komplottin Ankara enden würde und auch er selbst sagte, daß die letztePhase dieses Komplotts erreicht sei. Wir wollten deshalb die Botschaftnicht verlassen, da wir große Bedenken hatten, daß die Reisedes Vorsitzenden in Ankara enden könnte. Der Parteivorsitzende sagtefolgendes: “Auch wenn wir nicht hinausgehen, werden sie es diese Nachtzu Ende bringen. Nach ihren Andeutungen scheint es sowieso schon Vorbereitungenin diese Richtung zu geben”. Aufgrund seiner Weitsicht hatte er schon vielesgeahnt, auch wenn die griechischen Vertreter Simitis, Pangalos und dieanderen Beteiligten per Telefon garantierten, alles sei in Ordnung undsicher und wir sollten Ruhe bewahren. Deswegen beruhigte der Parteivorsitzendeuns vier trotz unseres vehementen Widerstandes und unseres Versuches, ihnzurückzuhalten. Er war sich bewußt, daß hier ein Spielgespielt wurde. Über die ganzen Tage hinweg betonte er uns gegenüberimmer wieder, daß dies die letzte Station des Komplotts sein könnteund alle Beteiligten dadurch kenntlich würden. Aber niemand wollte,daß das so endet. Sobald sich unser Vorsitzender in dem fürihn vorgesehenen Wagen befand, wurde uns beim Einsteigen in unsere Fahrzeugegesagt, daß wir in einer Kolonne fahren würden. Doch keinervon uns glaubte daran. Der Wagen unseres Vorsitzenden fuhr los und dieFahrzeuge wurden sofort voneinander getrennt. Bei unserer Ankunft am Flughafenhaben wir unseren Parteivorsitzenden in seinem Wagen gesehen, denn unserFahrzeug befand sich nun direkt hinter dem seinen. Wir wurden vor einerTür mit der Aufschrift “Polizeistation” gestoppt und sofort tauchtenvon allen Seiten Polizisten auf und umzingelten das Fahrzeug des Vorsitzendenund ließen es hineinfahren, gleichzeitig wurden wir in eine andereRichtung abgedrängt. Wir konnten weder aussteigen noch weiterfahren,da wir von Dutzenden Polizeiwagen umringt waren. In dem Wagen des Vorsitzendensaßen drei Polizisten. Uns brachten sie dann zum internationalenFlughafen und ließen uns dort. Den Wagen des Botschafters wiederumhaben sie ganz woanders hingebracht. Eine ganze Weile hatten wir wederdie Möglichkeit den Parteivorsitzenden zu finden noch zu sehen. Trotzdemsind wir dorthin gerannt, wo wir ihn zuletzt ausgemacht hatten. Aber eswar zu spät, wir sahen ihn nicht mehr.
Mit dem Botschafter sind wir zu den anderen Freunden zurückgekehrt.Der Botschafter wollte zu diesem Zeitpunkt mit mehreren verantwortlichenPersonen Kontakt aufnehmen, aber merkwürdigerweise gelang ihm diesnicht. Er führte ein kurzes Gespräch mit Pangalos: “Wir sinddauernd in seiner Umgebung gewesen und wollten unbedingt erfahren, waslos gewesen ist.” Pangalos befahl: “Laß die, die bei dir sind, dortund verschwinde.” Doch der Botschafter ließ uns dort nicht zurück.Wir versuchten, möglichst viele Informationen zu bekommen und fuhrendanach zurück in die Botschaft. Ihr Ziel war, entsprechend dem geplanteninternationalen Komplott zwischen MOSSAD, CIA und Kenia, den Vorsitzendenin die Türkei zu bringen und die Augenzeugen des Komplotts danachdurch die kenianische Polizei oder die dortige Mafia spurlos verschwindenzu lassen, damit die Wahrheit nicht an die Öffentlichkeit kommt. Dochdas ist ihnen nicht geglückt. Nach der Rückkehr der Polizistennach Griechenland machte einer von ihnen sofort öffentlich, daßihnen vom Außenministerium der griechischen Regierung der Auftragerteilt worden war, unseren Vorsitzenden zu betäuben und zu entführenund ihn an einen bestimmten Ort zu bringen; über den weiteren Ablaufhätten sie keine Befehle erhalten. Es war klar, daß unser Vorsitzenderan dem Ort, an dem der Auftrag der griechischen Polizisten endete, vomtürkischen Geheimdienst (MIT) übernommen und dann verschlepptwerden sollte. Der Polizist sagte auch, daß er sich wegen seinerTeilnahme an einer solchen Aktion schämen würde, er sei keinVerräter und wolle weder das kurdische noch sein eigenes Volk verraten.Der Polizist war gleichzeitig Agent des griechischen Geheimdienstes, derseit langem mit unserem Vorsitzenden in Kontakt stand. Außer Simitisund Pangalos wollte sich niemand beteiligen an dem Plan von denen in derRegierung, die ich als GLADIO bezeichne. Dieses Komplott muß im Zusammenhangmit GLADIO gesehen werden.
So wurde unser Vorsitzender entführt und in die Hände destürkischen Staates ausgeliefert. Pangalos versuchte mit Nachdruck,uns Augenzeugen aus dem Weg schaffen zu lassen oder zumindest unsere Einreisein sein eigenes Land zu verhindern, da wir viel zu berichten hätten.Die Erklärungen und Anweisungen Pangalos´ waren nicht direktan uns gerichtet, wir hörten und verstanden aber, daß wir ausdem Weg geschafft werden sollten, gleichgültig, welche Konsequenzendas hätte. Momentan unternimmt die kenianische Regierung Anstrengungen,den dortigen Botschafter Griechenlands des Landes zu verweisen.
Alle an diesem Komplott beteiligten Kräfte müssen vom griechischenVolk und der internationalen Öffentlichkeit verurteilt werden. UnserVolk muß über die Tatsachen genau informiert werden, jedochsollten keine gewalttätigen Aktionen durchgeführt werden.
Unser Parteivorsitzender hat niemals für Gewalt plädiert.Es sollten die letzten Anweisungen und Einschätzungen unseres Parteivorsitzendenbeachtet werden, daß die PKK, die nationale Befreiungsbewegung, mitihrer ganzen Kraft, der ganzen Größe und ihrem ganzen Ansehensich mehr auf der politischen Bühne bewegen solle.
Seine ganzen Bemühungen gingen dahin. Obwohl er sich überdie geringen Erfolgsaussichten im Klaren war, beabsichtigte er, mit seinerletzten Reise in die Niederlande dort vor einem internationalem Gerichtdie türkische Realität und die Realität des türkischenStaates offenzulegen.
Gleichzeitig machte er Botschaften an Deutschland. Er wies darauf hin,daß Deutschland seit 15 Jahren gegen unser Volk eine Kriminalisierungspolitikdurchführt und deshalb die tragende Säule ist bei den Bemühungen,die PKK in Europa als terroristisch darzustellen. Er sagte, daß derdeutsche Staat seine eigene Politik noch einmal überdenken solle undforderte ihn gleichzeitig auf, ein vorsichtigeres und verantwortlichesVerhalten zu zeigen. In der letzten Zeit sagte unser Vorsitzender sogarfolgendes: “Falls der deutsche Staat mich verurteilen möchte, fallser Beweise in der Hand hat, dann würde ich nach Deutschland gehenund mich den Gerichten stellen. Wir möchten der ganzen Welt zeigen,in welcher Form der deutsche Staat uns einen Prozeß machen und zuwelchem Schluß der führen wird. Wir würden dort der ganzenWelt die Wahrheit über uns, unser Volk, unsere Nation und unserenKampf zeigen.” Diese Möglichkeit wurde mit seinen Anwälten, auchdenen in den Niederlanden, sehr intensiv besprochen. Er war bereit fürein solches Gericht und für einen solchen Prozeß und nahm an,daß dadurch die ganze Wahrheit ans Tageslicht gebracht würde.