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APPELL DES 11.
OKTOBER 1999
Yasar
Kemal, Zülfü Livaneli Orhan Pamuk, Ahmet Altan und Mehmed
Uzun rufen zur Demokratisierung und Lösung der kurdischen Frage
in der Türkei auf
Als einer der
blutigsten Zeitabschnitte der Menschheitsgeschichte geht das zwanzigste
Jahrhundert zu Ende. In diesen letzten Tagen quält uns eine
Frage: wird das einundzwanzigste Jahrhundert so blutig wie das vergangene
sein? Werden Waffen, Krieg und Gewalt ihre Vorherrschaft behalten?
Werden Rassismus, Nationalismus und Hass gegen die "anderen"
aufs Neue die Welt abschlachten und in Brand setzen? Wird Unterdrückung
auch weiterhin über ethnische und gesellschaftliche Verantwortung
dominieren?
Unsere Antwort auf diese Fragen ist ein kategorisches "Nein".
Das neue Jahrhundert und die Völker des neuen Jahrhunderts
haben die Verpflichtung, jegliche Form von Diskriminierung und Unterdrückung
zurückzuweisen.
Wir, die unterzeichnenden Schriftsteller und Künstler, wünschen
uns, die Türkei im nächsten Jahrhundert als eine führende
Vertreterin bei der Durchsetzung der Menschenrechte und der Demokratie
zu sehen. Wir glauben, dass die Türkei als integraler Teil
der zivilisierten Welt, den Willen und den Glauben besitzt, Freiheit,
Gleichheit und Gerechtigkeit für alle ihre Völker zu verwirklichen.
Gegenwärtig ist die Türkei dafür bekannt, die vitalen
Regeln der Menschenrechte und der Demokratie zu verletzen. Sogar
von türkischen Regierungsmitgliedern wird diese Tatsache zugegeben.
Das entscheidende Problem ist die kurdische Frage. Weil sie dieses
Problem nicht angemessen gelöst hat, kann die Türkei weder
die gewünschten Schritte in der Frage der Menschenrechte unternehmen
noch die volle Demokratie erreichen.
Wir glauben, dass die Türkei die Kraft besitzt, das kurdische
Problem zu lösen. Keines der Bedenken der 1923 auf den Überresten
des osmanischen Reiches gegründeten jungen Republik hat heute
mehr Gültigkeit. Heute sind die ungefähr fünfzehn
Millionen Kurden in der Türkei unentbehrliche Staatsbürger.
Die Kurden fordern nur die Erhaltung ihrer Sprache und kulturellen
Identität und möchten als freie Staatsbürger in der
Einheit der Türkischen Republik leben, kurdisch lesen und schreiben
und im Kurdischen unterrichtet werden, arbeiten, dienen und ihr
Glück suchen bei Bewahrung ihrer besonderen Eigenart und Kultur.
Seit 1923 gab es rigide politische Anstrengungen zur Türkisierung.
Kurdisch wurde als Erziehungssprache und Kommunikationsmittel verboten.
Unter diesem Zwang wurden zahllose Menschen verhaftet und bestraft.
Zehntausende Namen von Städten, Dörfern, Weilern, Bergen,
Tälern und Hügeln wurden durch türkische ersetzt.
Bei der Gelegenheit bezeichnete man die Kurden als "Bergtürken".
In der Verfassung und anderen Gesetzbüchern wurde diese Politik
verankert.
Doch ist keine dieser Maßnahmen erfolgreich gewesen. Die Kurden
sind nicht zu Türken geworden. Die kurdische Frage wurde nicht
gelöst. Die blutgetränkten - und unerschwinglich teuren
- Ereignisse der letzten 15 Jahre bekräftigen: Gewalt ist kein
Ausweg. Mit Gewalt ist weder die Türkisierung der Kurden zu
realisieren noch wird sie den Kurden zu ihren Rechten verhelfen.
Die Türkei muss nun mit einem für die gesamte Welt und
das neue Jahrhundert beispielhaften Schritt die kurdische Frage
lösen, indem sie ihre kurdischen Staatsbürger in ihren
eigenen Rechten wahrnimmt. Wir glauben, dass ein solcher Schritt
die Türkei wirtschaftlich, gesellschaftlich und kulturell sehr
stärken und bereichern wird. Kurdisch ist eine der reichsten
lebenden Sprachen der mesopotamischen Zivilisation. Es besitzt sowohl
eine reiche klassische Literatur wie eine vielfältige musikalische
Tradition und eine blühende moderne Literatur. Die überaus
alte kurdische Geschichte und ihr kulturelles Erbe gehören
uns allen.
Anstatt sie zu leugnen oder herabzusetzen, müssen diese Kostbarkeiten
zum lebendigen Bestandteil des Reichtums der Türkei werden.
Die Kurden, die in der gesamten Geschichte im Völkermosaik
Anatoliens ein Drittel ausgemacht haben, dürfen nicht länger
diskriminiert werden. Sie müssen ihre Rechte und ihre Würde
erhalten, damit sie in Anatolien und der Türkei wieder zu einem
dynamischen Ganzen werden können. Kurdisch muss zur Schul-
und Ausbildungssprache werden. Die Notwendigkeit kurdischen Rundfunks
und Fernsehens muss anerkannt werden. Das Recht auf die kurdische
Sprache, Kultur und Identität muss in der Verfassung verankert
werden.
Wir appellieren an den Präsidenten, den Ministerpräsidenten,
das Parlament und die Regierung: Bitte befreien Sie die Türkei
von ihrer Schande. Während Sie sich um die Wunden des schrecklichen
Erdbebens kümmern, das uns alle betrübt hat, wenden Sie
sich bitte auch den gesellschaftlichen Wunden zu, die seit über
siebzig Jahren bluten.
Im 21. Jahrhundert soll die Türkei stolz dastehen, als Leuchtfeuer
und Verkörperung humanitärer und demokratischer Werte.
Erstunterzeichner:
Yasar Kemal (Schriftsteller),
Zülfü Livaneli (Schriftsteller, Künstler),
Orhan Pamuk (Schriftsteller),
Ahmet Altan (Schriftsteller),
Mehmed Uzun (Schriftsteller)
Unterzeichner:
Günter Grass (Schriftsteller / Nobelpreis für Literatur
1999 / Deutschland),
Nadine Gordimer (Schriftstellerin / Nobelpreis für Literatur
1991 / Südafrika),
Ingmar Bergman (Regisseur, Schriftsteller / Schweden),
Costa Gavras (Regisseur / Frankreich),
Harold Pinter (Schriftsteller / Großbritannien),
Jose Saramago (Schriftsteller / Nobelpreis für Literatur 1998
/ Portugal),
Arthur Miller (Schriftsteller / USA),
Maurice Bejart (Choreograph / Frankreich),
Elie Wiesel (Schriftsteller / Friedensnobelpreis 1986 / USA),
Jack Lang (Schriftsteller / ehem. Kulturminister / Frankreich),
Adonis (Schriftsteller / Libanon),
Bibi Andersson (Schauspielerin / Schweden),
Margaret Atwood (Schriftstellerin / Kanada),
John Berger (Schriftsteller / Großbritannien),
Suzanne Brøger (Schriftstellerin / Dänemark),
Adriaan van Dis (Schriftsteller, Regisseur / Holland),
Mahmud Doulatabadi (Schriftsteller / Iran),
Margaret Drabble (Schriftstellerin / Großbritannien),
Kerstin Ekmann (Schriftstellerin / Schweden),
Richard Falk (Schriftsteller / USA),
Lady Antonia Fraser (Schriftstellerin / Großbritannien),
Juan Goytisolo (Schriftsteller / Spanien),
Sir David Hare (Schriftsteller / Großbritannien),
Ronald Harwood (Schriftsteller, Regisseur / Großbritannien),
Erland Josephson (Schriftsteller / Schweden),
Michael Holroyd (Schriftsteller, Regisseur / Großbritannien),
Yoram Kanluk (Schriftsteller / Israel),
Jaan Kaplinski (Schriftsteller / Estland),
Nikos Kasdaglis (Schriftsteller / Griechenland),
György Konrad (Schriftsteller / Ungarn),
Alberto Manguel (Schriftsteller / Argentinien),
Adam Michnik (Schriftsteller, Journalist / Polen),
Kai Nieminen (Schriftsteller / Finnland),
William Nygaard (Verleger / Schweden),
Monika van Paemel (Schriftstellerin / Belgien),
Herbert Pundik (Verleger, Journalist / Dänemark),
Claude Regy (Schriftsteller / Frankreich),
Klaus Rifbjerg (Schriftsteller / Dänemark),
Bernice Rubens (Schriftsteller / Großbritannien),
Arne Ruth (Journalist, Akademiemitglied / Schweden),
Johannes Salminen (Schriftsteller, Verleger / Finnland),
Antonis Samarakis (Schriftsteller / Griechenland),
Kirsti Simonsuuri (Schriftstellerin / Finnland),
Thorvald Stehen (Schriftsteller, Präsident des Schriftstellerverbandes
/ Schweden),
Sigmund Strømme (Verleger / Schweden),
Birgitta Trotzig (Schriftstellerin, Akademiemitglied / Schweden),
Liv Ullman (Regisseurin, Schauspielerin / Schweden),
Andre Velter (Schriftsteller / Frankreich),
Günter Wallraff (Schriftsteller, Journalist / Deutschland),
Georg Henrik von Wright (Philosoph, Schriftsteller / Finnland),
Per Wastberg (Schriftsteller, Akademiemitglied / Schweden),
Moris Farhi (Schriftsteller, Generalsekretär des englischen
PEN-Clubs / Großbritannien),
Homero Aridjis (Schriftsteller, Präsident des Internationalen
PEN-Clubs / Mexiko),
Elisabeth Nordgren (Journalistin, Präsidentin des PEN-Clubs
/ Finnland)
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