Neuestes Interview mit den Öcalan-Verteidigern
"Frieden ist mein Bestreben"
Im Folgenden bringen wir eine Übersetzung eines
autorisierten Interviews, das die in Istanbul lebende
Journalistin Selda Surmeli mit den Rechtsanwälten
der Verteidigung Ercan Kanar, Mahmut Sakar und Niyazi
Bulgan am 22. Mai 1999 führte. Es wurde zuerst am
23. Mai 1999 in der türkischsprachigen Zeitung
Özgür Bakis veröffentlicht.
Innerhalb einer Woche wird der PKK-Führer
Abdullah Öcalan zum ersten Mal seit seiner
Verbringung auf die Gefängnisinsel Imrali am 15.
Februar, vor Gericht erscheinen. Die internationale
öffentliche Meinung erwartet das Verfahren mit
Neugier und Besorgnis. Über den Verlauf des
Gerichtsverfahrens und seine möglichen Resultate
gibt es vielfältige Diskussionen. Bis heute hat
Öcalan wiederholt erklärt, daß der
Prozeß eine große Chance zum Frieden
darstellen könne und hat in seinen mit Hilfe seiner
Rechtsanwälte gemachten Erklärungen sogar einen
8-Punkte-Plan für eine friedliche Lösung
unterbreitet. Wir haben mit den Rechtsanwälten Ercan
Kanar, Mahmut Sakar und der Rechtsanwältin Niyazi
Bulgan über die Haftbedingungen Öcalans,
über seine Sicht der Dinge, seine Ansichten
über eine Lösung der kurdischen Frage und seine
mögliche Verteidigungsrede gesprochen.
Frage: Ihr erster Besuch bei Abdullah Öcalan
war für die öffentliche Meinung und ich
vermute, auch für Sie - ein ziemlich wichtiges
Ereignis. Können Sie unseren Lesern erläutern,
wie er sich abgespielt hat?
Niyazi Bulgan: Es war Rechtsanwalt Ahmet Zeki
Okçuoglu [und Hatice Korkut], der den ersten
Besuch machte. Natürlich waren die Bedingungen recht
überwältigend. Der Besuch wurde durch zwei mit
Skimasken vermummten Offizieren des Generalstabschefs
[der türkischen Streitkräfte] und einem Richter
überwacht. Als ich zum erstenmal hinfuhr, hatten
diese Offiziere ihre Masken bereits abgelegt. Wir konnten
erst nach einer vollständigen Durchsuchung
hineingelangen. Wir konzentrierten uns auf die
Umstände seiner Festnahme, die Ereignisse in Kenya
und seine gesundheitliche Verfassung.
Frage: Wie war seine Sicht dessen, was mit ihm
während seiner gewaltsamen Überführung in
die Türkei geschah? Das kam für ihn ja
einigermaßen unerwartet.
Niyazi Bulgan: Es mag sein, daß es für
die Öffentlichkeit unerwartet kam, er selbst war
jedoch in keiner Weise überrascht. Soweit wir ihn
bisher kennengelernt haben, ist er ein Mensch, der alles
bis ins kleinste Detail abwägt. Ich bin mir sicher,
daß er auch darauf vorbereitet war. Während
unseres letzten Besuchs hat er genau dies
ausgedrückt. Er sagte: "sogar, als ich in
Italien war, sagte ich in einer Fernsehsendung, daß
ich verhaftet und an den türkischen Staat
ausgeliefert werden werden könnte". Er war auf
die sich anbahnenden Ereignisse vorbereitet.
Mahmut Sakar: Wir sollten eher von einer tiefen
Traurigkeit als von Überraschung sprechen. Als wir
ihn fragten, ob er gefoltert worden sei, sagte er:
"Es ist diese ganze Verschwörung, die mich
foltert". Es muß eine schmerzhafte Erfahrung
sein, mit einer solchen Verschwörung konfrontiert zu
sein, nachdem man einen so großen, historischen
Dialog mit dem Volk eröffnet hat. Andererseits
pflegte er in seinen Reden zu sagen: "Auch wenn ich
verliere, haben die Menschen gewonnen".
Frage: Wie schätzt er die Tatsache ein,
daß der türkische Staat eine solche Operation
durchgeführt hat?
Ercan Kanar: Eigentlich sieht er es vom Grundsatz
her als eine Verschwörung des Westens. Im Besonderen
sagt er, daß die Rhetorik des Westens zu Frieden
und Menschenrechten nicht mit seiner Politik
übereinstimmt und betrachtet die Situation, in der
er sich jetzt befindet, als eine Konsequenz aus dieser
Inkonsequenz des Westens.
Mahmut Sakar: Es gibt eine internationale
Verschwörung. Er meint, daß diese
Verschwörung nicht besonders zum Vorteil der
Türkei beiträgt. Wir haben die Reaktionen
erlebt, die hier zum Ausbruch kamen, als man ihn mit
verbundenen Augen herbrachte. So ist er der Ansicht,
daß seine gewaltsame Überführung hierher,
die eigentliche Tatsache, daß er sich hier
befindet, den Teil einer Verschwörung gegen die
Türkei darstellen. Er sagt, daß manche
Mächte beabsichtigen, den Boden für
mögliche Konflikte [also Bürgerkrieg] hier
vorzubereiten.
Niyazi Bulgan: Er meint, sogar der Umstand,
gewaltsam in die Türkei gebracht worden zu sein,
müsse in eine Möglichkeit zum Frieden
verwandelt werden.
Ercan Kanar: Was er während unserer Besuche
unermüdlich betonte, ist daß dieses
Gerichtsverfahren eine historische Chance für eine
friedliche Lösung des Konflikts darstellt.
Selbstverständlich ist er sehr entschieden der
Meinung, daß die eigentliche Macht hinter seiner
Verhaftung und Verschleppung die USA sind.
Frage: Die ersten Worte Öcalans, die die
Öffentlichkeit erreichten, waren: "Ich glaube,
daß ich dem türkischen und dem kurdischen Volk
gute Dienste erweisen kann, wenn mir die Chance dazu
geboten wird."...
Niyazi Bulgan: Wissen Sie, diese Worte sind nicht
zum ersten Mal im Flugzeug geäußert worden. Er
hat dasselbe früher immer wieder gesagt. Vor vielen
Jahren hat er wiederholt gesagt, daß er die
Mühe für eine demokratische und friedliche
Lösung auf sich nehmen wolle, wenn ihm die
Gelegenheit dazu geboten würde. Dies sind Worte, die
seit dem ersten Waffenstillstand 1993 verstärkt
wiederholt wurden.
Mahmut Sakar: In den Medien wurde das als
Äußerung kommentiert, die auf die psychische
Verfassung eines soeben Gefangenen
zurückzuführen sei. Öcalan jedoch
drängt darauf, daß seine Forderung nach
Frieden vollständig verstanden werden müsse. Er
sagt auch, seine gegenwärtigen Forderungen gingen
weiter als jene von 1993.
Ercan Kanar: Man sollte seine Worte in einem
weiteren Kontext bewerten. Falsch wäre es, nur einen
oder zwei Sätze herauszulösen. Was er besonders
betont, ist daß Türken und Kurden die
eigenständigen Elemente bildeten, als der Staat
gegründet wurde. Sie konnten jedoch nicht die
eigenständigen Elemente in der Republik werden. Was
er gleichfalls immer wieder aufzeigt, ist die Konzeption
eines gemeinsamen Landes. Einer demokratischen Republik,
einer freien Zusammengehörigkeit. Er sagt, daß
er diese Gedanken in Grundzügen seit 1993 hege und
daß er nach 1996 verstärkt versucht habe, sie
zum Ausdruck zu bringen.
Frage: Wie werden sich diese Gedanken von Herrn
Öcalan in seiner Verteidigungsrede niederschlagen?
Ercan Kanar: Vermutlich werden diese Konzepte in
seiner Verteidigungsrede ausführlich entwickelt
werden. Ich meine das gemeinsame Land, die demokratische
Republik, eine freie Zusammengehörigkeit, Frieden
und Geschwisterlichkeit, eine demokratische Lösung
und eine Demokratisierung der Republik, eine
Restrukturierung des Staates, den Beginn einer Periode
des Aufblühens kultureller Rechte.
Mahmut Sakar: Wie ich meine, ist es zum
Verständnis der Gedanken Herrn Öcalans
über den Frieden nötig, seine folgenden Worte
zu übermitteln: "Jene, die groß darin
sind, einen Krieg zu führen, sind auch groß
darin, einen Kampf für den Frieden zu führen.
Jene, die keine Mühe für den Frieden
aufbringen, verfallen einer Situation, in der sie ihren
Kriegen keinen Sinn verleihen können. In
Wirklichkeit ist ein großer Friede nur die
Fortsetzung eines großen Krieges." So
beschreibt er seine eigene geschichtliche Mission als die
einer großen Friedensoffensive.
Frage: In seinen Briefen, die früher in den
Medien veröffentlicht wurden, unterstreicht er
besonders, daß seine Friedensbemühungen
richtig verstanden werden müssen. Welche Art Echo
meint er, werden diese Bemühungen in der
Öffentlichkeit finden?
Mahmut Sakar: Er nimmt nicht an, daß die
kurdischen Öffentlichkeit Verständnisprobleme
hat. Er unterschätzt aber auch die Position des
Staates und der Medien nicht. Er sagt, daß er alles
in seiner Macht stehende tun würde, um richtig
verstanden zu werden. Während des Waffenstillstandes
1993 pflegte er zu sagen: "Gebt mir die
Möglichkeit, legal Politik zu machen, und ich werde
kommen und arbeiten." Er meint, seine damaligen
Worte seien eine unentwickelte Version des Konzepts eines
gemeinsamen Landes gewesen. Er ist recht zuversichtlich,
daß die kurdische Öffentlichkeit ihn verstehen
wird, und er ist der Überzeugung, daß die
türkischen Intellektuellen eine große
Verantwortung dafür tragen, daß ihn auch die
türkische Öffentlichkeit versteht.
Niyazi Bulgan: Indem er sagt, der Krieg habe keine
Bedeutung, wenn man sich nicht mit dem Frieden
befaßt, stellt er fest, daß die Qualen, die
die Menschen erleiden, ihn sehr erschüttern.
Während eines unserer Besuche sagte er zum Beispiel,
daß ihn sowohl die Soldaten als auch die Guerillas,
die in den Bergen sterben, in tiefe Trauer gestürzt
haben, und daß es absolut notwendig gewesen sei,
sich um Erleichterung zu bemühen, um noch
größere Schmerzen und Trauer zu verhindern.
Wie er sagt, hat das kurdische Problem eine
genügende Reife erlangt, um zu einer demokratischen,
friedlichen Lösung zu kommen.
Ercan Kanar: Natürlich wäre es falsch zu
behaupten, er wäre nicht besorgt. Infolge seiner
Isolation ist es ihm unmöglich, sich ein Bild von
der Außenwelt zu machen. Deshalb interessiert es
ihn sehr, wenigstens zu erfahren, wie die
Öffentlichkeit auf sein Drängen nach Frieden
reagiert. Kann sie ihn richtig wahrnehmen? Wie
schätzt sie ihn ein? Das ist seine Sorge.
Frage: Glaubt er, daß die Botschaft, die er
an das türkische Volk richten möchte, dort auch
ankommt?
Ercan Kanar: Sicher ist er sich der Tatsache
bewußt, daß die türkische
Öffentlichkeit in der Frage des Friedens sehr
träge und passiv ist. Ich meine damit: er
weiß, daß von den
Nicht-Regierungs-Organisationen oder den Intellektuellen
her kein starker Wind weht. Er macht keinerlei
übertreibende Kommentare zu dieser Situation.
Niyazi Bulgan: Er glaubt, daß das kurdische
Volk bereits von der Notwendigkeit von Frieden und
Demokratie überzeugt ist. Doch dann gibt es eine
türkische Öffentlichkeit, die jahrelang durch
eine Politik des Krieges manipuliert wurde. Er meint,
daß es nicht leicht sein wird, diese Schicht zu
beeinflussen. Aus diesem Grund ist er entschlossen,
äußerst klare und verständliche
Botschaften an die Öffentlichkeit zu richten.
Frage: Wie glaubt er, werden sich seine Rufe nach
Demokratisierung und Frieden innerhalb des
Staatsapparates auswirken?
Niyazi Bulgan: Er kennt den Staat gut. Er
weiß um die sichtbare Macht. Und auch um die
wirklichen Mächte... Nie hat er gesagt, er hegte
große Hoffnungen. Doch er brachte zum Ausdruck,
daß er versuche, weiterhin zu hoffen. Wie er sagte,
muß auch die kleinste Chance für Frieden
erwogen werden, selbst wenn sie durch ein Nadelöhr
geht. Ich meine damit: Er fühlt, daß es
notwendig ist, selbst unter den hoffnungslosesten
Bedingungen nach Frieden zu drängen. Er
erzählte uns, wie der Frieden in Vietnam in Zeiten
des intensivsten Bombardements zu sprießen begann.
Und sagte: "Laßt uns für den Frieden tun
was getan werden muß. Erst im Rückblick werden
wir verstehen können, wieweit es sich realisieren
läßt oder nicht."
Mahmut Sakar: Ein anderer Punkt ist, daß er
sich engagiert und die Forderung nach Frieden erhebt.
Doch in keinem Zusammenhang sagt er: "Es wird
Frieden geben" Er möchte, daß die
Hoffnung wächst. Darum geht es ihm in all seinem
Streben. Und er betont, daß es die Intellektuellen
sind, die demokratisch gesinnten und die [kurdischen]
Patrioten, die diesen Optimismus nähren und wachsen
lassen müssen. Darum geht es in seinem Appell an die
Welt. Und darum geht es in dem 8-Punkte-Paket, das er
bekanntgegeben hat. Er glaubt, daß es mit einem
Bißchen demokratischer Bemühung möglich
sein sollte, die Hand zum Frieden auszustrecken.
Frage: Wie hat er die Anklageschrift
eingeschätzt?
Niyazi Bulgan: Er hat die Anklage nicht allzu
wichtig genommen. Wie er sagte, wird seine Verteidigung
analytisch sein. Den technischen Einzelheiten der
Anklageschrift hat er nicht allzuviel Beachtung
geschenkt. Er möchte das Gericht in eine Plattform
für eine Lösung verwandeln.
Mahmut Sakar: Er sagt, die Anklageschrift bestehe
aus gefrorenen Schnappschüssen. Die sozialen
Bedingungen, unter denen die PKK gegründet worden
ist, seien nicht gesehen worden.
Frage: Wie schätzt er die Möglichkeit
eines Todesurteils ein?
Niyazi Bulgan: Da ihm die traditionelle Logik des
Staates bekannt ist, nahm er es als sicher an, daß
eine Verurteilung gemäß Artikel 125 erfolgen
und die Todesstrafe gefordert würde. Dies stellt
für ihn keine Überraschung dar. Doch sagte er
etwas während unseres vorletzten Besuches: "Ich
erwarte nichts für mich selbst. Mein einziger Wunsch
ist, daß das Problem zu einer friedlichen
Lösung gebracht und daß der Prozeß als
Gelegenheit zu dieser Lösung ergriffen wird."
Mahmut Sakar: Er hat auch so etwas wie eine
Beziehung zwischen seinem individuellen Leben und dem
Frieden hergestellt. Immer und immer wieder während
unserer Besuche erklärte er, "Sollte ich am
Leben bleiben, so werde ich für den Frieden
leben". Dies ist ein wichtiger Gesichtspunkt. Und es
ist auch die Logik hinter seiner Aussage, daß er
seine Verteidigung auf eine demokratische Lösung
konzentrieren würde. Deshalb macht er klar,
daß er sehr wohl in der Lage sei, eine andere
Verteidigungsrede zu halten, daß der
gegenwärtige Prozeß jedoch der einer
demokratischen Lösung sein müsse. Dafür
möchte er das Fundament legen. Während unseres
letzten Besuches zitierte er einen Dichter: "Gebt
mir meine Freiheit oder gebt mir den Tod".
Außerhalb davon gibt es keine Logik. "Wenn es
der Tod sein sollte, so ist es eben der Tod; sollte es
aber Leben sein, dann in Frieden und Freiheit", sagt
er.
Frage: Fällt es Ihnen leicht, mit Öcalan
in einen Dialog zu treten?
Ercan Kanar: Ich habe ihn als Person erfahren, die
sehr leicht in einen warmherzigen Dialog findet. Doch
gibt es ein Hindernis für jedes leichte
In-Dialog-Treten: die Einzelhaft da draußen.
Für uns ist es unmöglich, Auge in Auge zu
sprechen. Stets pflegte ein Offizier zwischen uns zu
sein. Jetzt hören sie uns hinter der Tür zu.
Aber noch immer hören sie mit, und wahrscheinlich
gibt es auch elektronische Abhörgeräte. Auch
kann er einige Dinge, die er uns sagen möchte, nicht
klar genug formulieren. Auch wir lassen einiges zu seiner
Festnahme im Ungefähren, das wir eigentlich viel
eindeutiger ausdrücken müßten. Dann haben
wir einige Schwierigkeiten bezüglich dessen, was
rechtlich getan werden muß. Dies, wie ich vermute,
weil er sich mit den Vorschriften nicht auskennt.
Mahmut Sakar: Selbstverständlich machten wir
uns eine Menge Gedanken darüber, wie wir in Dialog
treten könnten, als wir zum erstenmal dorthin
fuhren. Doch während unseres allerersten Besuches
mußten wir einsehen, daß es ein solches
Problem nicht gab. Nie habe ich es als so leicht
empfunden, mit jemanden ins Gespräch zu kommen. Vor
allem hat er eine Haltung, die es der Person vor ihm
leicht macht, ihn ins Gespräch zu ziehen. Ich habe
einen Menschen erlebt, der sich sehr auf die Unterhaltung
konzentrierte. Ich könnte sagen, daß er ein
ziemlich sympathischer und höflicher Mensch ist, der
jemanden in seinen Bann ziehen kann.
Frage: Diskutieren Sie während Ihrer Besuche
auch irgendwelche anderen Themen als den Prozeß und
die kurdische Frage?
Niyazi Bulgan: Er spricht über alles -
Politik, Kunst, Literatur. Er möchte unsere Meinung
dazu kennenlernen. Zum Beispiel erzählte er uns
gestern, er hätte den Plan für eine
"Akademie des Friedens und der Künste" an
der historischen Stätte in Urfa-Balikligöl und
das etwas Ähnliches an der alten Stadtmauer in
Diyarbakir eingerichtet werden könnte. Er sagte,
daß die Intellektuellen darüber etwas
erarbeiten müßten.
Mahmut Sakar: Manchmal konzentriert er sich auf
die Kunst, denn er hat ein besonderes Kunstinteresse. Er
sagte sogar, daß der ganze Prozeß in der
Sprache der Kunst, in Gedichten, Liedern und
Erzählungen ausgedrückt werden müsse. Er
sagte auch, daß er sein Leben gern der Literatur
weihen würde, wenn er Gelegenheit dazu bekäme.
Er glaubt, daß all die Schmerzen, das Glück,
die Tragödie, die durchlebt wird, einen
künstlerischen Ausdruck finden müsse.
Ercan Kanar: Auch wenn die Zeit begrenzt ist,
werden während unserer Besuche viele verschiedene
Themen berührt. Soweit ich mich erinnere, war das
erste mal für mich der 26. März. Bei dieser
Gelegenheit war der Jugoslawien-Kosovo-Konflikt das
Hauptthema. Er widmete ihm viel Aufmerksamkeit, stellte
sehr ins Einzelne gehende Fragen. Dann war er zum
Beispiel sehr interessiert an den Wahlen in Israel. Und
am Wahlabend in der Türkei fragte er uns exzessiv
nach unserer Meinung über die politische Entwicklung
in der Türkei.
Mahmut Sakar: Er ist ein Politiker, der für
viele Jahre in einem Kriegsgebiet gelebt hat. Ich habe
eine Persönlichkeit erwartet, die durch den Krieg
irgendwie müde geworden ist, sehr anders also. Und
das hat mich überrascht. Ich sah einen Menschen von
sehr tiefem Humanismus. Ich war einigermaßen
ratlos, als ich bemerkte, daß er es trotz der
langen im Krieg verbrachten Zeit fertiggebracht hatte,
seine menschliche Seite so zu bewahren. Er sagte,
daß Liebe und Gerechtigkeit aufs neue
begründet werden müßten und daß
sich jeder Einzelne auf diese Aufgabe konzentrieren
müsse. Er sagte sogar, "eine Beziehung, in der
die Menschen sich nicht einmal im Kampf gegenseitig
verletzen, ist, ethisch gesprochen, in hohem Grade
notwendig. Sicher ist eine Beziehung dieser Art
möglich, wenn sich beide Seiten in Gerechtigkeit und
gegenseitiger Rechtswahrung einander annähern."
Er meint, daß sogar die gegenseitige
Annäherung der Kriegsparteien dieserart sein sollte.
Niyazi Bulgan: Er ist sehr besorgt über die
Zukunft der Menschheit insgesamt. Er sagte während
unseres letzten Besuches, daß regionale Konflikte
beigelegt werden und daß die Schwelle des 21.
Jahrhunderts mit einem Sieg der Demokratie
überschritten werden könnte; daß auch die
Türkei von diesen Entwicklungen profitieren
würde und daß es keine Möglichkeit gebe,
sich aus ihnen herauszuhalten.
Frage: Wir wissen, daß Öcalan einige
Briefe erhalten und einige beantwortet hat. Wissen sie,
wieviele Briefe und von wem er erhalten hat und welche
beantwortet wurden?
Niyazi Bulgan: Er hat einen Brief von Teslim Tore
bekommen, einen weiteren von drei inhaftierten Frauen und
einen von Sabri Ok. Aus dem, was die AbsenderInnen uns
sagten, entnehmen wir, daß ihm nicht alle Briefe
ausgehändigt wurden. Wir wissen weiter, daß
ihm mehr als 20 Kinder geschrieben haben, deren Briefe er
jedoch nicht erhielt. Nur wenige Briefe werden ihm
ausgehändigt. Wie wir verstehen, beantwortet er alle
Briefe, die er erhält. Und natürlich schreibt
er auch an einige Menschen, von denen er keinerlei Post
erhielt. Wir wissen jedoch nicht, ob sie diese Briefe
erhalten oder nicht.
Frage: Öcalan hat seine verwandten
kürzlich nach vielen Jahren wiedergesehen. Haben Sie
diese Begegnungen beobachtet und welches waren die
Gefühle der Verwandten?
Mahmut Sakar: Nein wir waren bei seinen
Verwandtenbesuchen nicht zugegen. Wir fahren zwar
zusammen dorthin [auf die Insel Imrali], sie sehen ihn
jedoch getrennt. Wie sie uns erzählten, fragte er
sie nach seiner Heimatgegend, seinem Dorf. In einer der
Unterhaltungen wollte er, daß sie eine Art
"Medrese" [islamische theologische Schule] in
seinem Dorf bauen. Er schlug ihnen vor, etwas wie ein
Volkshaus oder ein Kulturhaus zu errichten. Dies wurde
entstellt in den Medien berichtet, als wenn er nur ein
normales Haus gewollt hätte. Was ihm
tatsächlich vorschwebte, war ein Ort, in dem
Erleuchtung und erzieherische Aktivitäten
stattfinden, um den Menschen ein Studium und kulturelle
Arbeit zu ermöglichen. Und tatsächlich wollte
er das nicht nur für sein eigenes sondern für
jedes Dorf.
Frage: Wie verbringt er seine Tage?
Mahmut Sakar: Er hat das Bestreben zu vermeiden,
daß Themen, die seine Person oder das tägliche
Leben betreffen, zu sehr in den Vordergrund treten. Wir
können nur dann Informationen über ihn selbst,
seine Gesundheit, seine Haftbedingungen erhalten, wenn
wir geradezu in ihn dringen. Deshalb hat er uns nie
gesagt, wie er den Tag verbringt.
Ercan Kanar: Das heißt, daß er
jedesmal, wenn wir ihn sehen, offenkundig über die
Beschwerden spricht, die ihm die Einzelhaft bereitet.
Einmal sagte er: "niemand kann hier länger als
sechs Monate leben".
Mahmut Sakar: Ein anderes mal nannte er seinen
Haftort ein Leichenschauhaus.
Niyazi Bulgan: Sein Haftort als solcher ist
eigentlich kein so übler Ort. Aber er ist ungeeignet
dafür, die ungünstigen Auswirkungen der
Isolation zu begrenzen. Jede Minute seines Privatlebens
wird überwacht, sogar während er schläft.
Mahmut Sakar: Aber trotz dieser harten Bedingungen
kann er äußerst glücklich und begeistert
sein. Nie sagt er "unmöglich". Wie er
sagt, war es trotz allem angebracht, sich den Optimismus
und die Hoffnung zu erhalten.
Niyazi Bulgan: Er möchte nicht einmal auf
unsere Fragen nach seiner Gesundheit antworten und
rät uns, wir sollten unsere Aufmerksamkeit besser
auf Frieden und Demokratie richten.
Frage: Kürzlich wurde berichtet, er
bekäme Zeitungen und Bücher.
Ercan Kanar: Hürriyet, Sabah oder eine andere
Zeitung, und die zwei oder drei Tage alt. Doch werden
alle Berichte über ihn sowie die wichtigsten
Kommentare herausgeschnitten. Wahrscheinlich
erzählen ihm die Offiziere dort eine Menge
entsprechend ihrer eigenen staatsfreundlichen
Interpretation.
Frage: Hat er bis jetzt irgendwelche Bücher
bekommen?
Ercan Kanar: Ja, einige Bücher. Doch keines
der Bücher, die für seine Verteidigung
erforderlich wären.
Niyazi Bulgan: Und die er erhält, wurden von
den Offizieren ausgesucht.
Frage: Gibt es etwas Besonders, das ihm fehlt?
Mahmut Sakar: Ihm fehlen die Natur und das
Zusammensein mit seinem Volk. Das sagt er sehr oft.
Ercan Kanar: Die Haftbedingungen sind sehr hart.
Stellen sie sich nur vor, daß er keinen Kontakt zu
irgendeinem Menschen hat. Man erlaubt ihm nicht einmal,
uns die Hand zu geben. Unter solchen Bedingungen hat ein
Mensch vielfältige Nöte. Bei unserem ersten
Treffen schufen wir einfach vollendete Tatsachen und
schüttelten ihm die Hand, doch die Offiziere
schritten sofort ein. Und danach erlaubten sie uns nie
wieder, ihm die Hand zu geben.
Frage: Haben Sie darüber gesprochen, unter
solchen Bedingungen die Verteidigung niederzulegen?
Ercan Kanar: Das diskutieren wir ziemlich
häufig. Die einmütige Meinung der
Rechtsanwälte ist es aber, die Verteidigung
niederzulegen, bis sich die Bedingungen geändert
haben. Er selbst erklärt, er könne seine
Verteidigung unter allen Bedingungen halten, er
könne die Vorschläge, die er hat, unter allen
Bedingungen erheben. Obwohl wir das ebenfalls glauben,
möchten wir grundsätzlich unterstreichen,
daß unserem Mandanten die gesetzlichen Rechte jedes
Menschen vorenthalten werden. Sogar aus dem Blickwinkel
der Verteidigung, die eine größere
Zuhörerschaft erreicht, ist es sehr wichtig,
daß diese Rechte Beachtung finden.