"An das kurdische Volk,
an die türkische Republik und an die internationale
Öffentlichkeit
Am 31. Mai 1999 beginnt der sogenannte
"Jahrhundert Prozeß" gegen unseren
Parteivorsitzenden und die Führung der kurdischen
Nation Abdullah Öcalan.
Der eigentliche Kern dieses
Prozeß besteht darin, daß anhand der
Türkischen Republik die Jahrhunderte andauernden
Probleme zwischen der anhaltenden Kolonialherrschaft in
Kurdistan und unserem Volk thematisiert und nach
Lösungen gesucht wird. Die Ergebnisse dieses
Prozesses, welche von den interessierten Kreisen mit
großer Aufmerksamkeit verfolgt werden, werden
wichtige Entwicklungen nach sich ziehen. Die Beziehung
zwischen dem Kolonialismus und dem kurdischen Volk wird
anhand seiner historischen Entwicklung behandelt,
hinterfragt und dabei gleichzeitig die zukünftige
Richtlinien dieser Beziehung festgelegt werden. Daher
stellt dieser Prozeß für die Beziehung der
beteiligten Seiten ohne Frage einen historischen
Wendepunkt dar.
In Anbetracht der historischen und der
gegenwärtigen Realität, wird klar, daß in
diesem Prozeß die betreffenden Kräfte kein
Recht zu einer oberflächlichen und einseitigen
Annäherung besitzen. Es ist daher offensichtlich,
daß sich diesem Prozeß beide Seiten mit der
gleichen Verantwortung annähern müssen. Unser
Volk, daß gespalten und kolonialisiert wurde, war
in der Geschichte, wie auch in der Gegenwart tragischen
Lebensbedingungen ausgesetzt. Massaker, Vertreibung und
Ausbeutung wurde und wird ihm als einzige Lebensform
aufgezwungen. Bei einem Blick auf die Vergangenheit wird
nichts menschenwürdiges erkennbar sein. Denn dabei
kommt ein Szenario mit Hunderttausenden von Toten,
Millionen aus ihrer Heimat vertriebenen Menschen, ein
Leben voller Armut, Unterdrückung und Folter zum
Vorschein. Die Vernichtung und Verleugnung der kurdischen
Nation ist die Grundlage der Politik, die sich hinter
diesem Szenario verbirgt. Auf der anderen Seite haben
auch die herrschenden Nationen an der Kolonialherrschaft
Schaden genommen. In dieser Hinsicht läßt sich
sagen, daß auch sie personellen und materiellen
Verlusten ausgesetzt waren. Doch der Hauptgrund für
die Rückständigkeit der herrschenden Nationen
liegt in dem Beharren auf einer Strukturierung von
Beziehungen, die sich auf der Kolonialisierung
gründet. Das Ergebnis zeigt , daß von diesem
Kolonialverhältnis weder das kurdische Volk, noch
die herrschenden Nationen profitiert haben. Beide Seiten
haben wenn sich das Verhältnis auch
unterschiedlich darstellt viele Werte verloren.
In der gegenwärtigen Situation
des andauernden Krieges zwischen dem türkischen
Staat und dem kurdischen Volk, besteht für beide
Seiten die gleiche Realität. Unabhängig davon,
welche inneren und äußeren Gründe
bestehen, sind die hohen Verluste auf beiden
Seiten ein Fakt. Der nun mehr als 15
Jahren andauernder Krieg hat bewiesen, daß dieser
Krieg für beiden Seiten nur Nachteile mit sich
bringt. Daher liegt es auf der Hand, daß die
Beendigung des Krieges und eine demokratische
Lösung, welche sich auf Gleichberechtigung und
Freiheit stützt, das bisher Verlorene wieder
gewinnen wird.
Unser Parteivorsitzender, Genosse
Abdullah Öcalan bereitet sich auf der Insel Imrali
auf seinen Prozeß vor. Dabei setzt er seine
Bemühungen fort, im Namen des kurdischen Volkes den
Krieg zu beenden und eine demokratische Lösung zu
entwickeln. Dabei wird unser Vorsitzender, Genosse
Abdullah Öcalan die Bemühungen für eine
Lösung, die mit dem ersten einseitigen
Waffenstillstand unserer Partei im März 1993 ihren
Anfang nahmen, zu einem neuen Höhepunkt führen.
Der beharrliche Einsatz unseres Vorsitzenden für
Frieden und eine demokratische Lösung ist die
Politik unserer Partei. Diese Politik ist die einzige,
die allen Beteiligten Vorteile bringt. Daher ist es
notwendig, daß die Politik des Friedens und der
Demokratie von der Türkischen Republik positiv
beantwortet wird. Die Überwindung der nationalen
Vernichtungs- und Verleugnungspolitik ist in erste Linie
im Interesse der Türkischen Republik. Die
historische Chance, welche unser Vorsitzender bietet,
sollte unbedingt positiv beantwortet werden.
Das Beharren des türkischen
Staates auf die Vernichtungspolitik anhand der
Persönlichkeit unseres Vorsitzenden, und das Handeln
nach engstirnigen rachsüchtigen Haltungen der
chauvinistischen Kreise, wird Entwicklungen mit
unkorrigierbare Folgen nach sich ziehen. Ohne Zweifel
wird die kurdische Nation, dessen Kriegspotential an
Stärke gewonnen hat, diese Vernichtungs- und
Verleugnungsannäherungen nicht unbeantwortet lassen.
Es würde bedeuten, daß ein jahrelanger Krieg
zwischen den Völkern entsteht, dessen Folgen nicht
absehbar sind. Die dabei entstehenden Verluste
würden für beide Seiten nicht tragbar sein. Aus
diesem Grund ist es notwendig, daß die Beteiligten
ihre bisherige Politik neu überdenken und
verantwortungsbewußt ihre zukünftige Politik
in Richtung Frieden und einer demokratischen Lösung
bestimmen. Sollte die Türkische Republik das Projekt
unseres Vorsitzenden Abdullah Öcalan für eine
friedliche und demokratische Lösung positiv
beantworten, würde die kurdische Frage, die zu
Anfang dieses Jahrhunderts in die Ausweglosigkeit
geführt wurde und das ganze 20 Jh. lang zu
großen Schmerzen und Verlusten führte, im
letzen Jahr dieses Jahrhunderts gelöst werden
können. Somit könnte sowohl die Türkei,
als auch unser Volk Frieden, Ruhe und Glück
erlangen.
Unsere Partei ruft die Türkische
Republik und das kurdische Volk, die internationale
Öffentlichkeit und alle interessierten Kreise,
insbesondere aber die nationalen und internationalen
Pressevertreter dazu auf, ihre Bemühungen zu
verstärken, um somit bei dem am 31. Mai 1999
beginnenden Jahrhundertprozeß eine Chance zu einer
friedlichen und demokratischen Lösung zu geben.
Wir betonen ausdrücklich,
daß alles Notwendige unternommen werden sollte, um
den Prozeß mit einer friedlichen und demokratischen
Lösung abschließen zu können. Von
jeglicher Annäherung, die diesem Vorhaben schaden
könnten, sollte Abstand genommen werden. In diesem
Rahmen sollten die Massenaktivitäten unseres Volkes
und ihrer Freunde weiter verstärkt werden."