In seiner Verteidigungsrede am gestrigen
23. Juni hat der Vorsitzende der PKK Abdullah Öcalan seinen Friedensaufruf erneuert, ein
gleichberechtigtes Zusammenleben des kurdischen und des türkischen Volkes auf
demokratischer Grundlage gefordert und sich zur Erreichung dieses Ziels zu einer
Zusammenarbeit mit dem türkischen Staat bereit erklärt.
Dies bedeutet weder, wie in einem Teil der Medien besonders der
türkischen - fälschlicherweise dargestellt, einen Verzicht auf den legitimen Kampf des
kurdischen Volkes für nationale und soziale Selbstbestimmung noch eine Unterwerfung unter
die andauernde repressive und ignorante Politik des türkischen Staates.
Verschiedene deutsche und europäische Politiker haben sich in den
letzten Tagen gegen eine Verhängung der Todesstrafe und für ein "faires
Verfahren" ausgesprochen und teilweise die Frage einer Aufnahme der Türkei in die EU
an diese Bedingung geknüpft. Solche Initiativen sind selbstverständlich begrüßenswert,
es darf jedoch nicht übersehen werden, daß der Prozeß gegen Abdullah Öcalan vor allem
darauf ausgelegt wurde, die kurdische Frage als "Terrorfrage" zu diffamieren, zu
kriminalisieren und schließlich militärisch zu lösen.
Deshalb kann die Forderung, gegen Abdullah Öcalan kein Todesurteil
auszusprechen, nur als Zugang zu einer demokratischen Lösung des Kurdenproblems
betrachtet werden. Nicht nur in dieser Hinsicht ist die Erklärung des Europarates, die
Forderung nach einem "fairen Verfahren" sei mit der Ersetzung des
Militärrichters durch den zivilen Ersatzrichter erfüllt, leider kontraproduktiv und ein
falsches Signal an die türkische Regierung.
Das Gerichtsverfahren ist nicht nur in Methodik und Ablauf
undemokratisch und entbehrt jeder rechtsstaatlichen Grundlage. Es stellt in seiner
Gesamtheit einen Verstoß gegen das Völkerrecht dar und soll die fortdauernde
Unterdrückung eines Volkes rechtfertigen.
Deshalb muß die politische Initiative Abdullah Öcalans endlich unterstützt
und die ausschließlich rechtspositivistische Argumentationsweise aufgegeben werden.