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Brief vom Zentralkomitee der
PKK an den Staatspräsidenten Süleyman Demirel
Am 1. Oktober 1999 traf eine achtköpfige Guerillagruppe für
Demokratie und Frieden in der Türkei ein. Diese Gruppe führte
vier Briefe vom Zentralkomitee der Arbeiterpartei Kurdistans an den Staatspräsidenten
Süleyman Demirel, Premierminister Bülent Ecevit, den Generalstabschef
und den Vorsitzenden der Türkischen Nationalversammlung mit sich.
Am 18. Oktober wurde der Brief an den türkischen Staatspräsidenten
Süleyman Demirel veröffentlicht. Nachfolgend geben wir ihn ungekürzt
in eigener Übersetzung wieder.
"Sehr geehrter Herr Süleyman Demirel,
Staatspräsident der Türkischen Republik
Wir übermitteln Ihnen diese Botschaft in der dringenden Hoffnung
und in der Verantwortung, daß kurz vor dem Jahr 2000 die Wiege der
Zivilisation Anatolien und Mesopotamien ein Niveau erreicht, das sie in
die Lage versetzt, aufs Neue Licht für die Menschheit auszustrahlen.
Die türkischen und kurdischen Menschen und alle Bürger der Türkei
haben ein Anrecht darauf. Wir wissen, daß eine solche Zukunft nahe
ist und möchten den daraus resultierenden Stolz mit dem türkischen
Volk erleben. Wir sehen, daß die kulturellen, wirtschaftlichen,
gesellschaftlichen und politischen Güter, die der 150-jährige
Kampf des türkischen Volkes für
Demokratie geschaffen hat, auf dem Weg zum Jahre 2000 mit der Demokratie
gekrönt werden wird und möchten uns ebenfalls an diesem ersehnten
großen Ziel in gemeinsamer Verantwortung beteiligen. Denn die PKK
ist Teil dieses 150-jährigen Kampfes für Modernisierung und
es ist deshalb unvorstellbar, daß sie sich von diesem geschichtlichen
Prozess loslöst. Die PKK hat sich mitsamt ihrer Fehler und Errungenschaften
immer in der Absicht bewegt, einen Beitrag für das Ziel des türkischen
Volkes, die Schaffung einer modernen Zivilisation, zu leisten. Der in
seiner Verteidigung bekräftigte Wunsch unseres Vorsitzenden Abdullah
Öcalan, sich im Rahmen einer demokratischen Lösung mit der Türkei
zu vereinen, entspricht dieser Zielsetzung und ist ihr natürliches
Ergebnis. Unsere Welt und die gesamte Menschheit begehen das neue Jahrhundert
mit dem Vorzug und dem Sieg der Demokratie basierend auf den aus Kämpfen
und Leid gezogenen Lehren wie auch auf den im weltweiten Kampf für
ein besseres Leben erzielten Fortschritten. Bereits jetzt ist zu erkennen,
daß keine Kraft, welcher Ideologie auch immer sie folgen mag, im
neuen Jahrhundert Bestand haben wird, wenn sie die demokratischen Maßstäbe
nicht anerkennt. Auch die Türkei bereitet sich darauf vor, gemeinsam
mit der internationalen Staatengemeinschaft als ein Land, das seine Demokratie
entwickelt, in das 21 Jahrhundert einzutreten, indem sie Lehren aus der
Geschichte zieht und durch das von ihr geschaffene große Wissen
und Potential, auch wenn Kämpfe und Leid existent sind. Eine nationale,
politische, gesellschaftliche und kulturelle Realität abseits dieser
Entwicklungen kann es nicht geben. Auch unsere Partei hat
sich in der Erkenntnis, sich nicht von diesen Entwicklung in der Welt
und in der Türkei loslösen zu können, entschieden, ihre
unter dem Einfluß des Kalten Krieges und einer von Auseinandersetzungen
geprägten Welt geformte politische Strategie zu verändern. Sie
wird dies auf ihrem außerordentlichen Kongreß, der in naher
Zukunft stattfinden wird, auch beschließen.
Unser Vorsitzende hat seit 1993 erkannt, daß das Andauern des Krieges
nicht mehr sinnvoll ist und bei vielen Gelegenheiten betont, daß
er eine Einigung mit der Türkei auf demokratischer Grundlage für
den realistische Weg hält. Wenn er auch aufgrund verschiedener Hindernisse
diese Zielsetzung nicht verwirklichen konnte, so hat er doch dafür
gearbeitet, unsere Partei auf eine derartige Entwicklung vorzubereiten.
Dass unsere Partei der neuen Strategie unseres Vorsitzenden im Ganzen
zustimmt und sie als Direktive auffasst, ist das Ergebnis eines Prozesses,
den sie seit 1993 voranzutreiben versucht. Unser Parteivorsitzender hatte
deshalb die Absicht, der Türkischen Republik und dem türkischen
Volk sein Vorhaben und Ziel zu erläutern, doch ließen die negative
Atmosphäre und die während des Krieges entstandenen Bedingungen
bis zur seiner Verschleppung in die Türkei keinen Raum für einen
derartigen Dialog. In der aktuellen Situation, in der sich unser Parteivorsitzender
dem türkischen Staat und dem türkischen Volk nahe ist, haben
wir den Glauben, dass auch das populäre türkische Sprichwort:
"Jede Arbeit birgt eine Gunst in sich" einen wahren Kern beinhaltet.
Im Bewusstsein unserer Verantwortung versuchen wir, diese Chance zu nutzen
und uns in diesem Rahmen zu bewegen.
Unser Parteivorsitzender hat mehrfach die Beendigung des Krieges gefordert
und darauf hingewiesen, dass dies bereits früher hätte geschehen
sollen. Als Reaktion auf diese realistische, sensible und verantwortungsvolle
Haltung unseres Vorsitzenden hat unsere Partei die Auseinandersetzungen
beendet und unsere Einheiten aus den Kampfregionen zurückgezogen.
Sie hat gegenüber der türkischen und der
Weltöffentlichkeit erklärt, dass es sich hierbei um einen Beschluss
zu einer strategischen Änderung handele, und dass sie nicht die Absicht
habe, den Krieg erneut zu beginnen. Bei der Gelegenheit unterstreichen
wir noch einmal, daß die erhobenen Vorwürfe einiger Kräfte
und Institutionen, dies sei nur ein taktischer Schritt, der Wahrheit nicht
entspricht.
Unsere Partei hat diese Schritte in Verbundenheit mit dem unterbreiteten
Projekt unseres Parteivorsitzenden aus Imrali, der ein Zusammenleben mit
dem türkischen Volk im Rahmen einer demokratischen Republik vorsieht
und in Verbundenheit zu den daraufhin entwickelten Aufrufen, unternommen
und glaubt, dass dies der richtige Weg ist. Wir haben keinen Zweifel daran,
daß diese Haltung eine wichtige Rolle bei der Überwindung der
Schwierigkeiten der Türkei spielen wird. Neuere Entwicklungen sind
entstanden, die schon jetzt den Weg für die Lösungen aller Probleme
eröffnen. Auf der anderen Seite wurde erkannt, daß nach dem
Erdbeben unsere diese Haltung unumgänglich ist, eine andere Haltung
nicht denkbar wäre und für die Überwindung
des Leides und der Schwierigkeiten des türkischen Volkes diese Haltung
unseren größten Beitrag leisten wird. Hiermit möchten
wir im Zuge unserer Strategie zu den bisher eingeleiteten Schritten einen
neuen hinzufügen. Um unsere Entschlossenheit einer Beteiligung an
einer Türkei, die ihre Probleme auf der Grundlage der Demokratie
lösen wird zu zeigen, senden wir mit dem Beschluß unseres Zentralkomitees,
eine Gruppe für Frieden und eine demokratische Lösung in die
Türkei. Wir unternehmen diesen Schritt, weil wir ein Teil der Türkei
und des türkischen Volkes sind und diesen Konflikt direkt mit dem
türkischen Volk und nicht unter Zuhilfenahme ausländischer Kräfte
und Vermittler
lösen wollen. Die Entsendung dieser Gruppe beweist unseren guten
Willen zu dem eingeschlagenen Weg des Friedens und ist ein praktischer
Schritt dazu. Unser Wunsch ist es, dies demnächst auch weiter praktizieren
zu können. Der persönliche Empfang der HADEP- Bürgermeister
durch Sie und Ihre Bereitschaft, die bestehenden Probleme mit dem kurdischen
Volk
im Rahmen einer demokratischen und toleranten Haltung zu lösen, sowie
einige andere Äußerungen von Vertretern der türkischen
Republik haben uns bestärkt, diesen Schritt zu tun.
Es ist offensichtlich: sollte die Türkei die beabsichtigten demokratischen
Reformen im Rahmen ihrer Bedürfnisse verwirklichen, im Zusammenhang
damit ein grundlegendes Amnestiegesetz verabschieden und die Freiheit
zur sprachlichen und kulturellen Freiheit gewähren, so wird dies
den Prozeß beschleunigen. Sollte Ihre Aussage vom Jahre 1992 in
Diyarbakir "wir erkennen die kurdische Realität an" in
der Verfassung verankert werden, so werden die bestehenden Probleme der
Vergangenheit angehören. Sollte sich mit diesem Schritt ein Türspalt
für die Lösung der Frage in positivem Sinne öffnen und
dafür die erforderliche Basis geschaffen werden, so erklären
wir schon jetzt unsere Bereitschaft, uns nach unserem außerordentlichen
Kongreß mit voller Kraft in das gesetzliche Rahmen der demokratische
Republik zu beteiligen.
Wir haben keine Zweifel daran, dass die türkische Republik und ihre
Einwohner bereit sind, die existierenden Probleme in einem
demokratischen Rahmen zu lösen und sich mit uns, einem Teil von ihnen,
zu vereinigen. Uns ist bewusst, dass bewaffnete
Auseinandersetzungen und die mit ihnen verbundenen Leiden ein Vertrauensproblem
darstellen. Wir nehmen das mit Toleranz zur Kenntnis und sind der Auffassung,
daß die bis jetzt gezeigte Haltung und die bereits umgesetzten Schritte
einige positive Entwicklungen bewirkt haben, die zu bewerten sind. Die
Beispiele in der Welt zeigen, daß Völker, die seit langem miteinander
leben, auch wenn es zwischen ihnen zu Auseinandersetzungen gekommen ist,
diese nach Beendigung der Auseinandersetzungen in sehr guten Beziehungen
zusammenleben können. Wenn es auch wenig Ähnlichkeiten mit der
Türkei gibt, so sind die Beziehungen der Völker in Großbritannien,
Frankreich, Spanien, Portugal, Italien und viele andere Beispiele dafür.
Es ist offensichtlich, daß wir im Endeffekt in eine noch grundlegendere
Beziehung und Einheit mit dem türkischen Staat und dem türkischen
Volk gelangen werden. Wenn es aber um das türkische und kurdische
Volke geht, die mit Haut und Haaren verbunden sind, so ist dies noch zutreffender
und sogar zwingender.
In der Erwartung, daß die Übergabe dieses Briefes, der unseren
guten Willen bezeugt, durch die Gruppe für eine demokratische Lösung
an Ihre Institution, einige positive Entwicklungen herbeiführt und
einen Beginn ermöglicht, verbleiben wir mit dem Lebenswunsch in der
demokratischen Republik und mit unseren aufrechten Gefühlen.
Hochachtungsvoll
Zentralkomitee der PKK"
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