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APPELL DES 11. OKTOBERS - Yasar
Kemal, Zülfü Livaneli Orhan Pamuk, Ahmet Altan und Mehmed Uzun rufen zur
Demokratisierung und Lösung der kurdischen Frage in der Türkei
auf
Als einer der blutigsten Zeitabschnitte der Menschheitsgeschichte geht
das zwanzigste Jahrhundert zu Ende. In diesen letzten Tagen quält
uns eine Frage: wird das einundzwanzigste Jahrhundert so blutig wie das
vergangene sein? Werden Waffen, Krieg und Gewalt ihre Vorherrschaft behalten?
Werden Rassismus, Nationalismus und Hass gegen die "anderen"
aufs Neue die Welt abschlachten und in Brand setzen? Wird Unterdrückung
auch weiterhin über ethnische und gesellschaftliche Verantwortung
dominieren?
Unsere Antwort auf diese Fragen ist ein kategorisches "Nein".
Das neue Jahrhundert und die Völker des neuen Jahrhunderts haben
die Verpflichtung, jegliche Form von Diskriminierung und Unterdrückung
zurückzuweisen.
Wir, die unterzeichnenden Schriftsteller und Künstler, wünschen
uns, die Türkei im nächsten Jahrhundert als eine führende
Vertreterin bei der Durchsetzung der Menschenrechte und der Demokratie
zu sehen. Wir glauben, dass die Türkei als integraler Teil der zivilisierten
Welt, den Willen und den Glauben besitzt, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit
für alle ihre Völker zu verwirklichen.
Gegenwärtig ist die Türkei dafür bekannt, die vitalen Regeln
der Menschenrechte und der Demokratie zu verletzen. Sogar von türkischen
Regierungsmitgliedern wird diese Tatsache zugegeben. Das entscheidende
Problem ist die kurdische Frage. Weil sie dieses Problem nicht angemessen
gelöst hat, kann die Türkei weder die gewünschten Schritte
in der Frage der Menschenrechte unternehmen noch die volle Demokratie
erreichen.
Wir glauben, dass die Türkei die Kraft besitzt, das kurdische Problem
zu lösen. Keines der Bedenken der 1923 auf den Überresten des
osmanischen Reiches gegründeten jungen Republik hat heute mehr Gültigkeit.
Heute sind die ungefähr fünfzehn Millionen Kurden in der Türkei
unentbehrliche Staatsbürger. Die Kurden fordern nur die Erhaltung
ihrer Sprache und kulturellen Identität und möchten als freie
Staatsbürger in der Einheit der Türkischen Republik leben, kurdisch
lesen und schreiben und im Kurdischen unterrichtet werden, arbeiten, dienen
und ihr Glück suchen bei Bewahrung ihrer besonderen Eigenart und
Kultur.
Seit 1923 gab es rigide politische Anstrengungen zur Türkisierung.
Kurdisch wurde als Erziehungssprache und Kommunikationsmittel verboten.
Unter diesem Zwang wurden zahllose Menschen verhaftet und bestraft. Zehntausende
Namen von Städten, Dörfern, Weilern, Bergen, Tälern und
Hügeln wurden durch türkische ersetzt. Bei der Gelegenheit bezeichnete
man die Kurden als "Bergtürken". In der Verfassung und
anderen Gesetzbüchern wurde diese Politik verankert.
Doch ist keine dieser Maßnahmen erfolgreich gewesen. Die Kurden
sind nicht zu Türken geworden. Die kurdische Frage wurde nicht gelöst.
Die blutgetränkten - und unerschwinglich teuren - Ereignisse der
letzten 15 Jahre bekräftigen: Gewalt ist kein Ausweg. Mit Gewalt
ist weder die Türkisierung der Kurden zu realisieren noch wird sie
den Kurden zu ihren Rechten verhelfen.
Die Türkei muss nun mit einem für die gesamte Welt und das neue
Jahrhundert beispielhaften Schritt die kurdische Frage lösen, indem
sie ihre kurdischen Staatsbürger in ihren eigenen Rechten wahrnimmt.
Wir glauben, dass ein solcher Schritt die Türkei wirtschaftlich,
gesellschaftlich und kulturell sehr stärken und bereichern wird.
Kurdisch ist eine der reichsten lebenden Sprachen der mesopotamischen
Zivilisation. Es besitzt sowohl eine reiche klassische Literatur wie eine
vielfältige musikalische Tradition und eine blühende moderne
Literatur. Die überaus alte kurdische Geschichte und ihr kulturelles
Erbe gehören uns allen.
Anstatt sie zu leugnen oder herabzusetzen, müssen diese Kostbarkeiten
zum lebendigen Bestandteil des Reichtums der Türkei werden. Die Kurden,
die in der gesamten Geschichte im Völkermosaik Anatoliens ein Drittel
ausgemacht haben, dürfen nicht länger diskriminiert werden.
Sie müssen ihre Rechte und ihre Würde erhalten, damit sie in
Anatolien und der Türkei wieder zu einem dynamischen Ganzen werden
können. Kurdisch muss zur Schul- und Ausbildungssprache werden. Die
Notwendigkeit kurdischen Rundfunks und Fernsehens muss anerkannt werden.
Das Recht auf die kurdische Sprache, Kultur und Identität muss in
der Verfassung verankert werden.
Wir appellieren an den Präsidenten, den Ministerpräsidenten,
das Parlament und die Regierung: Bitte befreien Sie die Türkei von
ihrer Schande. Während Sie sich um die Wunden des schrecklichen Erdbebens
kümmern, das uns alle betrübt hat, wenden Sie sich bitte auch
den gesellschaftlichen Wunden zu, die seit über siebzig Jahren bluten.
Im 21. Jahrhundert soll die Türkei stolz dastehen, als Leuchtfeuer
und Verkörperung humanitärer und demokratischer Werte.
Erstunterzeichner:
Yasar Kemal (Schriftsteller),
Zülfü Livaneli (Schriftsteller, Künstler),
Orhan Pamuk (Schriftsteller),
Ahmet Altan (Schriftsteller),
Mehmed Uzun (Schriftsteller)
Unterzeichner:
Günter Grass (Schriftsteller / Nobelpreis für Literatur 1999
/ Deutschland),
Nadine Gordimer (Schriftstellerin / Nobelpreis für Literatur 1991
/ Südafrika),
Ingmar Bergman (Regisseur, Schriftsteller / Schweden),
Costa Gavras (Regisseur / Frankreich),
Harold Pinter (Schriftsteller / Großbritannien),
Jose Saramago (Schriftsteller / Nobelpreis für Literatur 1998 / Portugal),
Arthur Miller (Schriftsteller / USA),
Maurice Bejart (Choreograph / Frankreich),
Elie Wiesel (Schriftsteller / Friedensnobelpreis 1986 / USA),
Jack Lang (Schriftsteller / ehem. Kulturminister / Frankreich),
Adonis (Schriftsteller / Libanon),
Bibi Andersson (Schauspielerin / Schweden),
Margaret Atwood (Schriftstellerin / Kanada),
John Berger (Schriftsteller / Großbritannien),
Suzanne Brøger (Schriftstellerin / Dänemark),
Adriaan van Dis (Schriftsteller, Regisseur / Holland),
Mahmud Doulatabadi (Schriftsteller / Iran),
Margaret Drabble (Schriftstellerin / Großbritannien),
Kerstin Ekmann (Schriftstellerin / Schweden),
Richard Falk (Schriftsteller / USA),
Lady Antonia Fraser (Schriftstellerin / Großbritannien),
Juan Goytisolo (Schriftsteller / Spanien),
Sir David Hare (Schriftsteller / Großbritannien),
Ronald Harwood (Schriftsteller, Regisseur / Großbritannien),
Erland Josephson (Schriftsteller / Schweden),
Michael Holroyd (Schriftsteller, Regisseur / Großbritannien),
Yoram Kanluk (Schriftsteller / Israel),
Jaan Kaplinski (Schriftsteller / Estland),
Nikos Kasdaglis (Schriftsteller / Griechenland),
György Konrad (Schriftsteller / Ungarn),
Alberto Manguel (Schriftsteller / Argentinien),
Adam Michnik (Schriftsteller, Journalist / Polen),
Kai Nieminen (Schriftsteller / Finnland),
William Nygaard (Verleger / Schweden),
Monika van Paemel (Schriftstellerin / Belgien),
Herbert Pundik (Verleger, Journalist / Dänemark),
Claude Regy (Schriftsteller / Frankreich),
Klaus Rifbjerg (Schriftsteller / Dänemark),
Bernice Rubens (Schriftsteller / Großbritannien),
Arne Ruth (Journalist, Akademiemitglied / Schweden),
Johannes Salminen (Schriftsteller, Verleger / Finnland),
Antonis Samarakis (Schriftsteller / Griechenland),
Kirsti Simonsuuri (Schriftstellerin / Finnland),
Thorvald Stehen (Schriftsteller, Präsident des Schriftstellerverbandes
/ Schweden),
Sigmund Strømme (Verleger / Schweden),
Birgitta Trotzig (Schriftstellerin, Akademiemitglied / Schweden),
Liv Ullman (Regisseurin, Schauspielerin / Schweden),
Andre Velter (Schriftsteller / Frankreich),
Günter Wallraff (Schriftsteller, Journalist / Deutschland),
Georg Henrik von Wright (Philosoph, Schriftsteller / Finnland),
Per Wastberg (Schriftsteller, Akademiemitglied / Schweden),
Moris Farhi (Schriftsteller, Generalsekretär des englischen PEN-Clubs
/ Großbritannien),
Homero Aridjis (Schriftsteller, Präsident des Internationalen PEN-Clubs
/ Mexiko),
Elisabeth Nordgren (Journalistin, Präsidentin des PEN-Clubs / Finnland)
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