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VERSCHWÖRUNG
UND KRISE
Die Türkei und die kurdische Frage:
Von den Neunzigern bis heute
International Initiative
Freedom for Ocalan Peace in Kurdistan
P.O. Box 100511, D-50445 Koeln
E-Mail: info@freedom-for-ocalan.com
Url: www.freedom-for-ocalan.com
INTERNATIONALE INITIATIVE SPEZIAL:
Im Herbst letzten Jahres erschien beim Aram Verlag in Istanbul die
türkische Übersetzung eines Bandes mit Essays des amerikanischen
Linguisten und Publizisten Noam Chomsky. Einer dieser Essays beschäftigte
sich kritisch mit dem Verhältnis von amerikanischer Außenpolitik
und kurdischer Frage in der Türkei. Für die türkische Justiz
war dies Anlaß zu einem Verfahren vor dem Staatssicherheitsgericht
in Istanbul. Dieses Verfahren endete heute mit einem Freispruch.
Aus Anlass des 3. Jahrestages der Entführung von Abdullah Öcalan
am 15. februar 1999 veröffentlicht die Internationale Initiative
an dieser Stelle einen kürzlich von Aram publizierten Essay mit dem
Titel Verschwörung und Krise, der sich ebenfalls mit
der kurdischen Problematik in der Türkei befaßt, insbesondere
aber mit dem Fall Öcalan, den Eingaben des Kurdenführers an
den Europäischen Gerichtshof und der türkischen Innenpolitik.
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© 2002 der deutschen Übersetzung:
Internationale Initiative "Freiheit für Abdullah Öcalan
- Frieden in Kurdistan".
Veröffentlichung und Vervielfältigung nur unter ausdrücklicher
Nennung der Internationalen Initiative "Freiheit für Abdullah
Öcalan - Frieden in Kurdistan"
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VERSCHWÖRUNG UND KRISE
Die Türkei und die kurdische Frage:
Von den Neunzigern bis heute
Am Beginn des Jahres 2002 gibt es viele Anzeichen dafür, dass die
kurdische Frage erneut zu einem herausragenden Thema in der internationalen
Mediendiskussion wird. Gerede über einen bevorstehenden Angriff der
USA auf den Irak hat die kurdischen Parteien des Nordirak jetzt zu einem
beliebten Thema "möglicher strategischer Szenarien" in
der New York Times' oder Washington Post' gemacht. Andererseits
wird die Türkei mit ihrer großen kurdischen Bevölkerung
und notorischen Menschenrechtsproblemen heftig umschmeichelt als Schlüsselfigur
im Spiel der Kräfte vor einer Intervention, während ein Abkommen
mit dem Internationalen Währungsfond (IWF) die Bevölkerung der
Türkei durch unvernünftig hohe Steigerungen der Verbraucherpreise
in Atem hält.
Vor einem türkischen Staatssicherheitsgericht wird über das
Buch eines Amerikaners verhandelt, der den amerikanischen Interventionismus
kritisiert. Der Ausgang der Verhandlung könnte davon abhängen,
welche Richtung der amerikanische Interventionismus im Mittleren Osten
tatsächlich am Ende einschlagen wird. Andererseits sind ohne Zweifel
die internen Entwicklungen in der Türkei von Bedeutung, der Kampf
um Demokratisierung, Grundrechte und Freiheiten in der Türkei selbst.
In der folgenden Skizze soll der Versuch gemacht werden, die dynamische
Verflechtung dieser beiden Faktoren zu betrachten.
DIE VERGANGENHEIT
Die Kurdische Arbeiterpartei (PKK), wurde 1978 gegründet. 1984 begann
sie einen bewaffneten Guerillakrieg gegen die Türkei im Anschluss
an den Höhepunkt des Militärregimes, das 1980 die Macht ergriffen
hatte. Trotz der wohlbekannten Menschenrechtsverletzungen an Kurden, die
in großem Umfang stattgefunden haben und stattfinden, haben sich
die Westmächte immer nur zögerlich auf die Klagen der Kurden
eingelassen. Die PKK ist heute in Deutschland, Grossbritannien und den
USA als Terror-Organisation (1) verboten.
Obwohl die Lage der Kurden kurzzeitig am Ende des Krieges gegen den Irak
zum Medienereignis wurde, hatte die "neue Weltordnung" den Kurden
nicht viel zu bieten - einem Volk von vielleicht vierzig Millionen - und
heute sind sie immer noch weit davon entfernt, in irgendeinem der Länder,
in denen sie einen beträchtlichen Anteil an der Bevölkerung
bilden, in Gleichheit und Freiheit zu leben: Nicht in der Türkei,
noch in Iran, Irak oder Syrien.
Im Oktober 1988 hatte der Prozess des Aufbaus der "neuen Weltordnung"
im Mittleren Osten einen Punkt erreicht, der es der Türkei erlaubte,
erhebliche militärische Kräfte an der Grenze zu Syrien zu konzentrieren,
wo sich seit ein paar Jahren der Aufenthaltsort des Führers der politisch-militärischen
Organisation PKK, Abdullah Öcalan, befand. Diese Truppen drohten
offen damit, nach Damaskus zu marschieren, falls Syrien sich weigere,
Abdullah Öcalan innerhalb von ein paar Tagen auszuweisen. Dieser
kriegerische Auftakt einer internationalen Jagd auf den Kurdenführer
war zweifellos eine eigenartige Antwort auf den einseitigen Waffenstillstand,
den dieser am 1. September 1998 vor dem Hintergrund des langen Kampfes
der Organisation für eine friedliche und demokratische Lösung
der kurdischen Frage erklärt hatte; noch war dies das erste Mal,
dass ein Zeichen guten Willens von Seiten der kurdischen Bewegung öffentlich
von der türkischen Regierung zurückgewiesen wurde. Ebenso wenig
war es überraschend, dass Regierungsoffizielle anscheinend heimlich
eine Nachricht an die Führung der PKK geschickt hatten des Inhalts,
die Türkei sei bereit, den Kriegspfad zu verlassen, wenn die Aufständischen
den ersten Schritt täten, nur um dann die positive Antwort der Kurden
als taktischen Vorteil für verstärkte militärische und
geheimdienstliche Anstrengungen zu nutzen.
In seiner Verteidigungsschrift, die er dem Staatssicherheitsgericht in
Ankara im Juni 1999 vorlegte, macht Abdullah Öcalan deutlich, dass
die PKK bereits 1993 zum ersten Mal einen einseitigen Waffenstillstand
erklärt habe, als die gemäßigte Politik des liberalen
Präsidenten Turgut Özal einen Funken Hoffnung aufkommen ließ,
dass der Konflikt zwischen PKK und türkischem Staat friedlich beigelegt
werden könne. Auf einer Pressekonferenz in der libanesischen Stadt
Bar Elias wandte sich Abdullah Öcalan am 17. März 1993 mit folgenden
Worten an die türkische Seite:
"Lasst uns den Krieg endlich beenden. Krieg ist Folter für
mich. Es ist Sache des türkischen Staates, mir diese Folter zu ersparen,
indem er unsere Geste des guten Willens beantwortet. Wir haben nicht die
Absicht, uns bei erster Gelegenheit von der Türkei zu trennen. Wir
sind dafür, zusammenzuleben in einer brüderlichen Beziehung
auf der Basis politischer und militärischer Gleichheit. Wenn dies
durch eine neue Verfassung garantiert würde, dann wären wir
bereit, unseren Kampf auf die politische Ebene zu verlagern."
Obwohl die türkische Armee zunächst mit einer Waffenruhe antwortete,
begann sie schon bald erneut eine Offensive und tötete etwa 100 Guerillas
und Zivilisten, sperrte Hunderte anderer Menschen ein und nahm die Zerstörung
von Häusern wieder auf. Im Gefolge dieser Angriffe ging eine Gruppe
von PKK-Kämpfern eigenmächtig dazu über, den Waffenstillstand
zu missachten, als sie einen Bus mit türkischen Soldaten außerhalb
des Kampfgebietes angriffen und 33 Menschen töteten. Das Angebot
der PKK, diesen Vorfall zu untersuchen, wurde von der Regierung abgelehnt.
Diese Folge von Ereignissen hätte auch anders verlaufen können,
wenn Präsident Turgut Özal und der Kommandeur der Gendarmerie,
General Esref Bitlis, sowie einige andere Offiziere und Beamte, die den
Kriegskurs der Regierung öffentlich kritisiert hatten, nicht während
des Waffenstillstandsprozesses, den sie zunächst gutgeheißen
hatten, auf höchst dubiose Weise einem vorzeitigen und plötzlichen
Tod erlagen. Mit einer neuen Gruppe von Führungsfiguren in dem dauernd
kriegslustigen Regime kündigte sich die Abkehr von dem beginnenden
Friedensprozess und die Wiederaufnahme der militärischen Offensive
an, die schon nach kurzer Zeit eskalierte in die bekannte und berüchtigte
Politik der verbrannten Erde des türkische Staates. Jetzt wurden
unter dem Namen Aufstandsbekämpfung kurdische Dörfer zu Tausenden
planmäßig zerstört, um den See auszutrocknen, in dem die
Guerilla der Fisch war. Dies führte auch zur systematischen Tötung
von Intellektuellen, Journalisten, Gewerkschaftern, Menschenrechtlern
und politischen Aktivisten in den Straßen kurdischer Städte,
Tötungen und Vertreibungen, die sich schnell auf das Schicksal nahezu
jeder kurdischen Familie auszuwirken begannen. Dies war auch die Zeit
unbewaffneter Massendemonstrationen, der Serhildan, der kurdischen Intifada,
mit Höhepunkten bei Gelegenheiten wie der Beerdigung von Führern,
die von Todesschwadronen getötet worden waren, oder bei kurdischen
Festen wie Newroz, dem Neujahrsfest im Frühling, wo Polizei oder
Militär in die unbewaffnete Menge schoss und den Kurden manchen Blutsonntag
bescherte.
Nach Schätzungen kurdischer Quellen wurden mehr als 30.000 Kurden
getötet, mehr als 3.000 kurdische Dörfer geräumt und damit
zwischen drei und vier Millionen kurdischer Zivilisten zu Vertriebenen
im eigenen Land. Dazu wurden zwischen 23.000 und 30.000 Kurden zwischen
Juli 1987 und Mai 2001 inhaftiert. Die meisten Menschenrechtsverletzungen
wurden zwischen 1993 und 1998 begangen.
Während sich Tausende kurdischer Jugendlicher der PKK anschlossen,
insbesondere auch junge Frauen, die vom emanzipatorischen Ansatz der Partei
in der Geschlechterfrage angezogen wurden mit der Aussicht auf ein Leben
frei von der erstickenden Sklaverei der patriarchalen Knechtschaft in
der Familie zu Hause, war die türkische Mehrheitsbevölkerung
gefangen im Sumpf erbarmungslosen Medienterrors, der ihr bösartige
chauvinistische und primitive hedonistische Ideen in die Köpfe hämmerte,
und die Herrschaft über den inneren Kern des Staatsapparates schließlich
an ein Netz militanter Faschisten fiel, organisiert wie die Mafia und
korrupter pro-amerikanischer Politiker, die die ramboartigen Spezialkräfte
trainierten und finanzierten als Söldnertruppen, die sogar die regulären
Streitkräfte, das traditionelle Rückgrat der autokratischen
Republik nach Belieben herumstießen. Zu dieser Zeit begann das scheinbar
streng säkulare Regime auch die sogenannte Hisbollah (die nichts
zu tun hat mit der libanesischen Organisation gleichen Namens) aufzubauen
und großzuziehen als fanatisches Gegengewicht zur sozialistischen
kurdischen Bewegung, eine Miniversion des "grünen Gürtels."
Dieses politisch-militärische Konzept wurde später als "Konzept
93" bekannt und seine Architekten und Ausführenden sollten die
Bezeichnung "innerer Staat" erhalten; ihre Verbindungen zur
geheimen NATO-Organisation Gladio würden aufgedeckt werden und ihre
herausragende Rolle im internationalen Drogenhandel, Geldwäsche,
die systematische Ausnutzung von Staatsverträgen, Bestechung und
mannigfache Variationen organisierten Verbrechens würden in dem Bericht
einer parlamentarischen Untersuchungskommission dokumentiert werden, die
sich mit dem tödlichen Unfall eines Mercedes-Benz in der kleinen
Stadt Susurluk an der Ägäis im Jahre 1996 beschäftigte.
In dem Wagen befand sich ein bekannter Mafioso und Organisator faschistischer
Mordkommandos, der einen Diplomatenpass bei sich hatte, obwohl er von
Interpol gesucht wurde, dazu ein hochrangiger Polizeibeamter und ein Abgeordneter,
der Führer des kurdischen Bucak-Stammes, eines präfeudalen Klans,
aus dem sich viele der 60.000 sogenannten Dorfschützer rekrutierten.
Diese Dorfwächter sind kurdische paramilitärische Einheiten
in staatlichem Sold, verwendet als Fußsoldaten bei Operationen gegen
die PKK und häufig in Vergewaltigung, Mord und andere Arten von Terror
gegen die kurdische Bevölkerung verwickelt. Kurz gesagt, dieses unheilige
Triumvirat bildete die inneren Machtstrukturen der türkischen Oligarchie,
wie selbst nationale türkische und westliche Medien einräumen
mussten. Trotz beträchtlicher öffentlicher Proteste im Verlaufe
der offiziellen Ermittlungen wurde wenig getan, diese Strukturen zu zerlegen.
Im Januar 2002 bestätigte das Berufungsgericht ein Urteil, das auf
Ermittlungen basierte, die nach dem Unfall durchgeführt worden waren,
wonach insgesamt vierzehn frühere Regierungsvertreter jeweils zwischen
vier und sechs Jahren Gefängnis erhielten für ihre Verbindung
zum organisierten Verbrechen.
Die Aufdeckung dieser Querverbindungen bedeutet nicht, dass die türkische
Öffentlichkeit jetzt offen über diese Strukturen diskutieren
und ihnen entgegentreten konnte. Der liberale Journalist Celal Baslangic
muss möglicherweise für bis zu sechs Jahre in Haft, weil er
in seinem Buch "Tempel der Angst" die Ergebnisse seiner Nachforschungen
zu verschiedenen Massakern und Grausamkeiten, die von den Streitkräften
verübt worden waren, veröffentlichte, trotz der Tatsache, dass
der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die von Baslangic
veröffentlichten Fakten großenteils während zweier Verfahren
vor dem Gericht bestätigt hat. Menschenrechtsbeschwerden auf der
Grundlage anderer Ereignisse, die von ihm untersucht wurden, sind noch
nicht abgeschlossen.
Während der ganze Horror der Konterguerilla freigesetzt wurde und
kurz vor der Susurluk-Affäre hielt sich die PKK im Herbst und Winter
1995 zum zweiten Mal an einen einseitigen Waffenstillstand. Dieser Waffenstillstand
wurde jedoch von weiten Teilen der türkischen und internationalen
Öffentlichkeit rundweg abgelehnt und natürlich auch von den
Meinungsmachern als Zeichen ihrer zunehmenden Schwäche angesichts
der Erfolges des Konzepts 93.
Der Führer der PKK, Abdullah Öcalan, beschrieb diese Periode
als gekennzeichnet durch "extreme Wiederholungen" von Verhaltensmustern
bei beiden Konfliktparteien, Muster, die die PKK, wie er selbstkritisch
bemerkt, nicht in der Lage war kreativ zu überwinden, hauptsächlich
weil "die Art, wie der Krieg geführt wurde, beiden Seiten völlig
entgleist war."
Am 6. Mai 1996 detonierte eine starke Bombe in einem Vorort von Damaskus
und entlaubte die Bäume im Umkreis einer halben Meile, wie Augenzeugen
berichteten. Der türkische Journalist Tuncay Özkan zeigt in
seinem Buch "Operation", wie dieses misslungene Attentat auf
Abdullah Öcalan vom türkischen Geheimdienst MIT geplant und
ausgeführt wurde mit der Zustimmung des damaligen Ministerpräsidenten
Mesut Yilmaz, heute Führer des kleinsten Koalitionspartners in der
derzeitigen Regierung und ein Anwalt der europäischen Integration.
1997 ergab sich der PKK-Kommandeur, der für die Tötung der 33
Soldaten außerhalb des Kampfgebietes verantwortlich war, den Militärs
und sagte später vor dem Staatssicherheitsgericht aus, er habe der
türkischen Armee geholfen, indem er Angriffe auf türkische Soldaten
außerhalb des Kampfgebietes befahl, während sich die PKK an
den Waffenstillstand hielt.
Die Geständnisse des Ex-Kommandeurs wurden von fortschrittlichen
kurdischen Intellektuellen als Ausschnitt aus der sozialen Zerstörungskraft
einer Persönlichkeit betrachtet, die in der Enge und dem Spießertum
der Sippe feststecke, ein patriarchaler und feudaler Charakter, dessen
Verständnis der Befreiung von Unterdrückung in der Nachahmung
des Unterdrückers bestünde. Dieser geistige Zustand ähnelt
ein wenig dem, was Frantz Fanon oder Paolo Freire über die gespaltene
Persönlichkeit des Kolonisierten sagen. Abdullah Öcalan hat
solches Verhalten scharf als "Verhalten von Kriegsherren" und
"primitiven Nationalismus" verurteilt. Die PKK müsse solche
Tendenzen überwinden wie der türkische Staat sein chauvinistisches
oligarchisches Gangstertum überwinden müsse.
Ähnliche Tendenzen dürften das Verhalten der Demokratischen
Partei Kurdistans (KDP) von Messut Barsani und der Patriotischen Union
Kurdistans (PUK) von Dschalal Talabani, den beiden wichtigsten Fraktionen
der nationalistischen kurdischen Bewegung von Südkurdistan, bestimmen
denen jeweils ein Teil der autonomen Regionalregierung zugewiesen worden
war, die von den Amerikanern nach dem Golfkrieg von 1991 in der nordirakischen
Schutzzone errichtet worden war. Angesichts wiederholter Einfälle
der türkischen Armee und ihrer Spezialkräfte in den Nordirak
während der neunziger Jahre beschlossen beide Parteien, die sich
in Streitereien über die Zolleinnahmen aus dem beschränkten
Handel zwischen Nordirak und Türkei verwickelt hatten, die Türkei
bei ihren Feldzügen gegen die PKK zu unterstützen, anstatt sich
zu vereinigen und den kurdischen Interessen zu dienen. Beide Fraktionen
unterhalten starke Bindungen zu Washington und London, Ankara und - weniger
offen - zu Tel Aviv, weisen aber die PKK als fremde Kraft zurück,
trotz der Tatsache, dass sich die PKK der Unterstützung eines großen
Teils der Bevölkerung in Südkurdistan erfreut. Die beiden Weltkriege
haben im Mittleren Osten eine politische Situation geschaffen, in der
alle Staaten untereinander verfeindet sind und diesen Zustand zudem en
miniature auf die Kurden abbilden. Nach zehn Jahren ist die Schutzzone,
von den USA im von den Briten ins Leben gerufenen Irak eher die Bühne
zunehmenden kurdischen Brudermords und kurdischer Abhängigkeit denn
ein Ort der Einheit und des Selbstvertrauens gewesen.
In den Jahren 1992, 1994 und 1997 gab es drei größere Kriege
zwischen KDP, PUK und PKK mit mehreren hundert Opfern auf allen Seiten.
Jeder dieser Kriege wurde durch großangelegte Militäroperationen
der Türkei in den Nordirak ausgelöst.
Nachdem sich die PKK mit den Parteien im Süden verständigt,
aber nicht vereinigt hatte, beschloss die PKK einen dritten einseitigen
Waffenstillstand in der Türkei einzuhalten, der am 1. September 1998
beginnen sollte. Abdullah Öcalan gab im kurdischen Fernsehsender
Med TV folgende Stellungnahme ab:
"...Wir haben uns entschlossen, diesen Schritt zu tun, weil wir
ernsthaft und von ganzem Herzen glauben, dass ein zivilisiertes und der
Gegenwart angemessenes Vorgehen von uns verlangt, dass wir einer politischen
Lösung dieses Problems eine Chance geben, das für die schwere
Krise, in der sich die Türkei befindet, so entscheidend ist, eines
Problems, das zwar konkret als "Kurdische Frage" auftritt, tatsächlich
aber grundsätzliche und substantielle Fragen der Demokratie einschließt.
Die Frage der Menschenrechte und die kurdische nationale Frage sind ebenfalls
mit diesem Problem verknüpft. Ich glaube fest daran, dass wir diese
große Frage der Türkei, seiner Bevölkerung, der Völker
des Mittleren Ostens, des Weltfriedens lösen können, wenn es
uns gelingt, ein Zeichen unseres guten Willens zu setzen und zu entwickeln,
ohne den Provokationen bestimmter Kreise nachzugeben, die sich sowohl
unter uns als auch in Teilen des türkischen Staates befinden, und
aus dem Krieg materiellen Gewinn ziehen wollen."
DIE ENTFÜHRUNG
Die bisherige kurze Zusammenfassung der Ereignisse von 1993 bis 1998
macht deutlich, warum das Regime diesen Aufruf mit einer Massierung von
Truppen an der syrischen Grenze beantwortet, um zu erzwingen, dass Öcalan
von dort ausgewiesen wird, und seine Operationen gegen die kurdische Guerilla
innerhalb und außerhalb der eigenen nationalen Grenzen unvermindert
fortsetzt. Im Verlaufe dieser Operationen wollte das Regime die kurdischen
Zeichen guten Willens ausnutzen, um sowohl militärisch als auch propagandistisch
Land zu gewinnen gegen einen Feind, der zwar nicht vernichtet werden konnte,
wie führende Strategen bestätigten, dem man aber, gerade weil
er existierte, militärisch entgegentreten musste. Außerdem
war es notwendig, den Konflikt zu verlängern, um einer unkontrollierbaren
Bande von Kriegsprofiteuren die Möglichkeit zu geben, ihre wirtschaftliche
und politische Plünderung des Landes ungestört fortzusetzen.
Wie wir oben schon angemerkt haben, war dies keine Überraschung.
Einigermaßen überraschend allerdings war die amerikanische
und europäische Verwicklung in die fortgesetzte Vernichtungspolitik
gegen die Kurden, die langsam ans Licht kommen sollte, als die Ereignisse
um Abdullah Öcalans Bemühungen um eine friedliche Verständigung
ihren Lauf nahmen.
Nachdem er am 9. Oktober 1998 von Syrien ausgewiesen worden war, beschloss
Abdullah Öcalan sich auf den Weg nach Europa zu machen und nicht
in die Hochburgen der PKK in den kurdischen Bergen des Nordirak oder Nordwestiran.
In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters erläuterte
er seine Motive folgendermaßen:
"Wenn eine politische Verständigung über die kurdische
Frage an Akzeptanz gewinnt, dann bin ich sicher, dass alle Gewalt in der
Türkei, gleich von wem sie ausgeht und natürlich einschließlich
des Guerillakrieges, weitgehend zum Stillstand gebracht werden kann. [..]
Wenn erst einmal ein politischer Prozess, ein politischer Dialog initiiert
ist, können wir unseren strategischen Ansatz ändern. Wovon hängt
das ab? Wenn Europa sein Gewicht nutzt, die USA sich unterstützend
verhalten und die Türkei zu einer politischen Einigung bereit ist,
dann werden wir sicher vorziehen, eine solche Verständigung als strategische
Perspektive zu erwägen, denn so etwas wollten wir ja ohnehin. Deshalb
ist es nicht korrekt zu sagen, ich sei nach Europa gekommen, um widrigen
Bedingungen zu entkommen. Tatsächlich, wenn wir auch nur eine Chance
für eine solche Lösung zu fassen bekommen, dann kann ein Prozess
[rein] politischen Kampfes beginnen."
Ähnliche Ansichten äußerte Abdullah Öcalan auch
in einem Interview mit dem Magazin Middle East Review im Januar 1999:
"Es kann keinen Zweifel geben, dass eine Anerkennung der kurdischen
Frage durch die internationale Gemeinschaft mehr als alles andere zu diplomatischer
Anerkennung führen wird und dementsprechend hat es die Etablierung
eines Dialoges mit der Türkischen Republik für mich Priorität
in Verbindung mit internen Anstrengungen in Richtung einer politischen
Verständigung. Ich möchte noch einmal wiederholen, was ich über
eine Lösung innerhalb der existierenden Grenzen der Türkei und
die demokratische Struktur des Staates gesagt habe. Ich möchte mich
darauf konzentrieren, eine Lösung für die kurdische Frage zu
finden basierend auf dem Konzept der pluralistischen Demokratie. Und ich
werde verstärkt versuchen die Unterstützung sowohl der Türkei
als auch internationaler demokratischer Mächte zu gewinnen."
Abdullah Öcalans erstes Ziel war Griechenland, von wo er sofort
nach Moskau weiter fliegen musste. Keines der Länder war bereit,
ihm tatsächlich politisches Asyl zu gewähren. Am 13. November
1998 traf Abdullah Öcalan in Italien ein, und wurde bis zum 17. Januar
in einer römischen Vorstadt untergebracht. Die italienischen Behörden
lehnten ein Auslieferungsersuchen der Türkei ab mit der Begründung,
Herr Öcalan müsse bei seiner Rückkehr in die Türkei
mit der Todesstrafe rechnen. Gleichzeitig entschieden die deutschen Behörden,
einen Haftbefehl gegen Abdullah Öcalan aufzuschieben, der 1990 mit
Hilfe eines abenteuerlichen Konstruktes ausgestellt worden war. Die Regierungschefs
beider Länder berieten über mögliche Orte einer internationalen
Konferenz über eine Lösung der kurdischen Frage mit europäischer
Beteiligung.
Öcalan andererseits verlieh seinen Glauben an die Grundprinzipien
und demokratischen Garantien der Europäischen Union Ausdruck, so
zum Beispiel in einer Erklärung für die Exilpublikation Özgür
Politika am 16. Januar 1999:
"Ich glaube, dass eine Vorstellung des Rechts, wie sie im Rechtssystem
der Europäischen Union Ausdruck findet, auch für die kurdische
Frage entwickelt werden sollte, und ich habe entsprechende Forderungen
geäußert. Ich möchte [unsere Forderung] unterstreichen,
eine Untersuchungskommission basierend auf den Prinzipien der EU möge
in Kurdistan recherchieren, und, wenn nötig, sollte ein internationaler
Gerichtshof eingerichtet werden."
Öcalan machte mehrfach deutlich, dass er bereit sei, selbst vor
ein solches internationales Gericht zu treten, mit der einzigen Bedingung,
dass auch die Türkei vor Gericht gestellt werde. Aber seine Hoffnungen
und Forderungen wurden nicht erfüllt. Die türkische Regierung
und der Medienapparat hatten eine ständig sich steigernde Kampagne
chauvinistischer Wut gegen Italien losgetreten, weil es Öcalan Aufenthalt
gewährte, dem "Babykiller und Mörder von 30.000 Menschen."
Die Kampagne gipfelte in einem Boykott italienischer Waren und führte
zu starken antiitalienischen Gefühlen in der türkischen Bevölkerung.
Gleichzeitig und weniger engstirnig nutzten die USA leise diplomatische
Kanäle, um die Europäer davon zu überzeugen, keine politische
Initiative zur friedlichen Lösung des Kurdenkonflikts zu unterstützen.
Deutschlands Schritt, den Haftbefehl auszusetzen, gab grünes Licht
für die letztendliche Entscheidung der italienischen Regierung, Druck
auf Abdullah Öcalan auszuüben, damit er das Land mit unbekanntem
Ziel verließe trotz seiner noch offenen Asylbewerbung. Alle europäischen
Länder verweigerten ihm eine Einreiseerlaubnis. Über Moskau,
Athen und Korfu wurde der Kurdenführer schließlich nach Nairobi
in Kenia geflogen, zur dortigen griechischen Botschaft. Dabei wurde immer
deutlicher, dass es sich hier um eine überlegte Verschwörung
handelte, ihn in eine Position zu bringen, aus der man ihn, war nur erst
der Schutz durch europäisches Recht wirkungsvoll beseitigt, den türkischen
Behörden übergeben konnte.
In der laufenden Beschwerde vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof
haben die Anwälte von Abdullah Öcalan nachgewiesen, dass die
Verschwörung, die mit seiner Entführung endete, rechtswidriges
Verhalten seitens der Behörden oder zumindest inoffiziell handelnder
Beamten in Griechenland, Russland, Italien und Kenia zur Folge hatte.
Zudem gibt es deutliche Hinweise, dass Deutschland, Grossbritannien, die
Niederlande und Israel zumindest indirekt an der Operation beteiligt waren.
Als Abdullah Öcalan schließlich am 15. Februar gezwungen wurde,
das Gebäude der griechischen Botschaft in Nairobi zu verlassen, wartete
das Privatflugzeug eines türkischen Geschäftsmannes bereits
seit zwei Tagen auf der Rollbahn des Flughafens von Nairobi. (Bemerkenswerterweise
wurde dieser Geschäftsmann wegen Offshore-Bankings und Steuerhinterziehung
im Sommer 2001 von den USA an die Türkei ausgeliefert.)
In seiner Beschwerde an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte,
beschreibt Öcalan die letzte Folge der Ereignisse um seine Entführung.
"Schwarze in einem Geländewagen haben mich gewaltsam ergriffen,
Wäre ich in der Botschaft geblieben, hätte das auch darauf hinauslaufen
können, dass ich getötet werde. Sie fuhren den Wagen genau bis
vor die Tür des Flugzeugs. Später kamen wir in einen nicht-öffentlichen
Bereich des Flughafens. Das Bewusstsein verließ mich. Wahrscheinlich
setzten sie mich unter Drogen. Ich kann bestätigen, dass ich zu diesem
Zeitpunkt nicht Herr meines Willens war. Ich fühlte mich betäubt.
Sobald ich die Maschine betrat, warf sich jemand auf mich. Es waren Türken.
Alle anderen, die um das Flugzeug herumstanden, waren bewaffnet und ihrem
Aussehen nach, glaube ich, waren es entweder US-Amerikaner oder Israelis.
Es waren keine Türken dort, bis wir in die Maschine kamen. Türken
befanden sich nur in der Maschine selbst."
Der türkische Ministerpräsident Bülent Ecevit zitterte
vor Erregung als er am 16. Februar 1999 eine Erklärung verlas, in
der er verkündete, Öcalan sei "gefangen worden im Anschluss
an unsere stillen, aber intensiven Bemühungen über einen Zeitraum
von zwölf Tagen in verschiedenen Ländern und auf verschiedenen
Kontinenten." Ecevits überheblicher Erklärung wird nicht
nur durch Öcalans eigenen Bericht widersprochen, hinzu kommen noch
andere Indizien. Es war im Herbst 2001, als Tony Blinken, der ehemalige
Sonderberater von Bill Clinton, in einem Interview mit CNN beschrieb,
wie die USA der Türkei geholfen hatten und zwar "von Anfang
an", indem die Länder, die Öcalan beherbergten, "aufgefordert"
wurden, sicherzustellen, dass er "der Gerechtigkeit zugeführt
werde." Doch ausgerechnet während des Verfahrens vor dem türkischen
Staatssicherheitsgericht im Sommer 1999, in dem Öcalan zum Tode verurteilt
wurde, platzten türkische Zeitungen mit der Meldung heraus, die Festnahme
Öcalans sei ein Geschenk der CIA an die Türkei. Am 20. Januar
2002 bestätigte der ehemalige Präsident Süleyman Demirel
auf CNN, "jeder weiß, dass die USA eine große Rolle dabei
gespielt haben, Öcalan in die Türkei zu bringen."
Als er über Blinkens Erklärung informiert wurde, erklärte
Öcalan seinen Anwälten: "Anscheinend haben die USA und
Griechenland mich der Türkei als Geschenk überreicht, vielleicht
als Anreiz für die Türkei, die Probleme mit Zypern und der Ägäis
zu lösen. Es gab nicht einmal einen Handel oder ein Abkommen, ich
war eher ein Geschenk, eingepackt in Geschenkpapier. Es war wirklich schrecklich.
Die USA sind grausam. Sie übergeben mich an die Türkei und sagen,
bringt ihn um oder lasst ihn leben. Macht, was ihr wollt. Und das Ziel
war ja nicht nur ich als Individuum - Tötet die Kurden, wenn ihr
wollt, oder lasst sie in eine Position, die ihr für richtig haltet.
Mal sehen, ob sie überleben können... Ich frage mich jetzt,
was die Regierung Bush dazu sagt? Wir erwarten eine Erklärung von
den USA und wir erwarten eine von Griechenland."
DIE VERSCHWÖRUNG
Wenn Öcalan auf die Tatsache hinweist, dass seine Entführung
weniger die Leistung einer Gruppe türkischer Spitzenagenten als das
Ergebnis langfristiger Politik seitens weltweit agierender Mächte
war, so geschieht dies nicht nur um des moralischen Wertes der Beweise
willen, die ihm vorliegen. Er sagt in der gleichen Erklärung: "Die
Verschwörung hatte ihren Ursprung in Britannien, und eine Gruppe
kurdischer Kollaborateure war darin verwickelt. Die Türkei selbst
war unvorbereitet. Sie hatte Druck ausgeübt, um mich in die Hände
zu bekommen, seit ich Syrien verlassen hatte, aber die türkische
Regierung nahm an der eigentlichen Planung nicht teil. Dies lässt
sich zurückverfolgen bis in das Jahr 1996, als Clinton und [der griechische
Ministerpräsident] Simitis übereinkamen, mich liquidieren zu
lassen. Sie wollten mich und weniger die PKK als ganzes beseitigen."
Hier kommt es zu einer wichtigen Akzentverschiebung auf der politischen
Ebene der Auseinandersetzung: Die Verschwörung, Öcalan zu entführen
oder zu töten war im Grunde nicht nur eine Verschwörung gegen
die Kurden, sondern auch gegen die Türkei.
Indem sie den Interessen jener Kräfte in der Türkei diente,
die materiell profitierten von den 15 Jahren totalen Kriegs der türkischen
Armee gegen die kurdische Bevölkerung, indem sie den Konflikt verlängerte,
sollte die schimpfliche und ausbeuterische Herrschaft der degenerierten
proamerikanischen Oligarchie, die in der Türkei gegen Ende des Kalten
Krieges installiert worden war, fortgesetzt und gefestigt werden bei wachsender
Polarisierung von türkischem und kurdischem Volk und einer Eskalation
des Krieges niedriger Intensität der Konterguerilla Strategen in
einen ausgewachsenen Krieg. Ethnisierung eines ursprünglich politischen,
sozialen und wirtschaftlichen Konflikts als zeitgenössische Form
des divide et impera, eines integralen Bestandteils der pax americana,
waren das Grundprinzip, das Öcalan und die PKK -Führung hinter
dem Verhalten der USA und vieler europäischer Mächte ausmachte,
die gemeinsam den Kurden die anscheinend letzte Möglichkeit verwehrten,
einen Frieden in Gerechtigkeit zu erreichen und die kurdische Frage in
der Türkei zu lösen.
Die pogrom-ähnliche Atmosphäre in der Türkei vor und viel
mehr noch nach der illegalen Entführung des nationalen Führers
des kurdischen Volkes bot einen Vorgeschmack auf das, was auf die Völker
von Anatolien und Mesopotamien zukommen sollte: Faschistische Mobs auf
der Lynchjagd nach kurdischen Jugendlichen einerseits, wahllose Brandanschläge
auf öffentliche Busse und ein Kaufhaus in Istanbul andererseits.
Der Vorlauf zu den landesweiten Wahlen in der Türkei war völlig
verschmutzt von dieser giftigen Atmosphäre und die faschistische
MHP wurde am 18. April 1999 zusammen mit Ecevit in die Regierungskoalition
gewählt, jenem Mann, der damit prahlte, er sei der Führer, dem
es gelungen sei, den Staatsfeind Nummer Eins zu fassen. Öcalan aber
war nur für einen Teil der türkischen Mehrheitsbevölkerung
ein Staatsfeind, wenn auch für den lautstärkeren Teil, während
Millionen Kurden aufgebracht und verzweifelt auf die Straße gingen,
nicht nur überall in der Türkei, sondern auch in Irak, Iran,
Syrien, Libanon, Pakistan, Russland, Europa und selbst noch auf den Philippinen.
Unterdessen wurde die HADEP (Volks Demokratie Partei), die seit ihrer
Gründung mit pausenlosen Anschuldigungen der Behörden konfrontiert
war, ein legales Ventil für separatistische Aktivitäten zu sein,
bösartig im Wahlkampf behindert und schaffte nicht den Sprung über
die Zehn-Prozent-Hürde ins Parlament. Internationale Beobachter haben
berichtet, dass Hunderte von Wahlurnen mit kurdischen Stimmen von Sicherheitskräften
verbrannt wurden und Wähler in den Ostprovinzen davor gewarnt wurden,
die HADEP zu wählen. Dennoch erreichte die HADEP in einigen Gebieten
mehr als sechzig Prozent. Es gelang ihr bei den gleichzeitigen Kommunalwahlen
37 Städte und Gemeinden zu gewinnen.
Hinsichtlich der Frage, wer denn die türkische Nation zum Sieg über
die Kurden führen solle, ist es vergleichsweise erhellend zu erfahren,
dass Cavit Caglar, der vom türkischen Geheimdienst als so vertrauenswürdig
betrachtet wurde, dass man ihn in die "Kenia Operation" einweihte,
an herausragender Stelle beteiligt war an der allgemeinen Praxis, Unmengen
an Geld von privaten und öffentlichen Banken abzuzapfen, und dass
die gesamte Machtelite, die sich so beharrlich weigerte, mit Terroristen
auch nur zu reden, inzwischen bloßgestellt wurden als Profiteure
katastrophaler Offshore-Bankgeschäfte und anderer ähnlicher
Praktiken, Staatsunternehmen in großem Maßstab zu melken:
Die ganze Sippe des damaligen Staatspräsidenten Süleyman Demirel;
die Sippe von Tansu Ciller, der Ministerpräsidentin, die das Konzept
93 so nachdrücklich betrieb; fast die komplette Führung der
MHP, sie alle haben erwiesenermaßen an der Plünderung der türkischen
Wirtschaft teilgenommen und das in einer Weise, die Herrn Mobutu als harmlosen
alten Mann erscheinen lässt. Sie alle wurden entlarvt, doch kaum
einer wurde wirklich vor Gericht gestellt und verurteilt. Einer der Obersten
Gerichtshöfe in der Türkei, der einige mysteriöse Aspekte
des türkischen Haushaltsdefizits untersuchte, hat 2001 festgestellt,
dass fast 22 % des gesamten Regierungshaushalts in Form nicht veröffentlichter
Haushaltsausgaben außerhalb der parlamentarischen Kontrolle abgezweigt
wurde, also in den "schwarzen Sektor", der Wirtschaft floss,
der mit den Aktivitäten des "inneren Staates" verknüpft
ist; es wurde allerdings nichts getan, um die Spuren des Geldes zurückzuverfolgen
und es wiederzubeschaffen. Dies ist beileibe nicht neu für die türkische
Öffentlichkeit und man darf annehmen, dass der Betrag auf dem Höhepunkt
des Krieges sogar noch höher war. Mehmet Agar, ehemals Innenminister
unter Tansu Ciller, hat öffentlich zugegeben, dass er große
Brocken dieses vermissten Geldes verwendet hat, um "1000 Operationen"
gegen die Kurden zu finanzieren. Dabei beschäftigte er gesuchte Mafiosi
und andere illegale Organisationen. Der letztliche Zusammenbruch der türkischen
Wirtschaft im Dezember 2000, die sich schon seit den frühesten Tagen
des Kriegs gegen die Kurden in der Krise befand, ist nur der Widerhall
der Art und Weise, wie die zivile politische Oligarchie, die vom Militärregime
mit der Führung des Landes betraut worden war, die Regierungsgeschäfte
wahr nahm. Das Militärregime war im September 1980 mit aktiver Unterstützung
der USA und der Bundesrepublik installiert worden. Ökonomen bestätigen,
dass die Politik des IWF, was die Türkei angeht, eher als Ursache
der Krise betrachtet werden muss denn als Heilmittel.
Aus diesen Überlegungen folgt, dass seitens der PKK eine konventionelle
Antwort auf die Gefangenschaft ihres Führers zu wenig gewesen wäre,
insbesondere im Hinblick auf die Notlage der kurdischen und türkischen
Massen. Bewaffneter Kampf auf der Basis der klassischen Forderung nach
nationaler Befreiung hätte unter den gegebenen Bedingungen und gerade
auch da das Leben des Führers der Organisation auf dem Spiel stand
vielleicht ausgereicht, die Hoffnungen des Analytiker des Internationalen
Instituts für strategische Forschung in London zu erfüllen,
dahingehend dass "die Beseitigung des autokratischen Führers
der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) auch mögliche lähmende Spaltungen
innerhalb der Organisation" zwischen "hartgesottenen Marxisten"
und Anhängern einer "eher nationalen und pragmatischen Position"
aufdecken werde. Hier kam die Überlegung zum Tragen, verschiedene
Gruppierungen innerhalb der führerlosen Bewegung würden sich
gegenseitig auf Kosten der Gesamtintegrität bekämpfen und dass
"der Niedergang der PKK das Entstehen einer neuen, gemäßigten
und friedlichen kurdischen Bewegung ermöglichen werde... Eine demokratische
kurdische Organisation könnte viel eher die Sympathien des Westens
erhalten und die Unterdrückung solch einer [neuen] Bewegung durch
die Türkei, könnte Ankara Probleme machen bei seinem wichtigsten
Verbündeten, den USA." Hieran sieht man leicht, dass die Unterdrückung
der gegenwärtigen kurdischen Bewegung weit davon entfernt ist, die
USA zu beunruhigen, selbst bei der Zerstörung von 4.000 Dörfern,
Tausender extralegaler Hinrichtungen politischer Oppositioneller durch
Todesschwadronen und systematischer Folter im ganzen Land. Wenn die derzeitige
eigenständige kurdische Bewegung einen gemäßigten Kampf
für eine demokratische und friedliche Lösung führt, muss
sie zerstört und eine neue geschaffen werden nach dem Muster der
Post-Talibanregierung in Afghanistan oder dem Irakischen Nationalkongress
- also eine von Anfang an den USA loyale Bewegung. Nach ihrer Erfahrung
mit der illegalen Entführung von Abdullah Öcalan zu einer Zeit,
als er entschieden für eine gewaltfreie Lösung eintrat, glauben
viele Kurden, der Westen erwarte von ihnen lediglich Loyalität, Unterwürfigkeit
und Abhängigkeit, nicht aber friedliche und demokratische Methoden.
Wut und Enttäuschung waren weit verbreitet. Das IISS kommentiert
die Entscheidung der PKK, sich eine gewaltfreie Strategie zu eigen zu
machen, während ihr Führer in Rom war: "Wenn kurdische
Massenparteien entstehen, könnten sie paradoxerweise gefährlicher
sein für den türkischen Staat und seine Beziehungen zu Europa"
- also muss man die Kurden vom politischen Kampf fernhalten, indem man
sie hineinzieht in einen bewaffneten Kampf. Ihre Führung würde
sich in inneren Kämpfen verbrauchen und schließlich durch eine
zahme, abhängige Führung ersetzt werden.
FRIEDENSBEMÜHUNGEN
In einer Atmosphäre, in der selbst seine einheimischen Rechtsanwälte
von Todesschwadronen eingeschüchtert und von Polizeibeamten und nationalistischen
Mobs auf dem Weg in den Gerichtsaal verprügelt wurden; wo nächtliche
Patrouillen die Türen kurdischer Häuser in einigen Städten
der Westtürkei mit Farbe markierten, nutzte Abdullah Öcalan
das bisschen an Spielraum, das er in seinem Glaskäfig auf Imrali
während der Anhörungen im Juni 1999 hatte, um seine Organisation
zur Einhaltung der Waffenruhe aufzurufen, alle unerlaubten Handlungen
gegen Zivilisten einzustellen und sich auf die Umwandlung in eine rein
politische Organisation vorzubereiten.
Die Tatsache, dass er die gleiche Strategie wie vor seiner Entführung
fortführte und die Tendenzen in Richtung auf einen friedlichen politischen
Kampf, die von 1993 bis 1998 gereift waren, erneut aufgriff, war für
viele überraschend und wurde meist als radikale Kehrtwende in der
Politik der Organisation kommentiert und als Versuch Öcalans, seine
eigene Haut zu retten. Doch die PKK unterstützte Öcalans Aufruf
und zog sogar ihre Kämpfer auf Territorien außerhalb der türkischen
Grenzen zurück.
Das Dokument, das Abdullah Öcalan zu seiner Verteidigung beim Staatssicherheitsgericht
während der Verhandlung auf Imrali vorlegte, weist darauf hin, dass
eine wirkliche Analyse der wirklichen Umstände nur zu einem demokratischen
System führen könne:
"Die Option einer demokratischen Lösung ist, nicht nur im
Allgemeinen, sondern auch für die kurdische Frage, die einzige mögliche
Option. Sezession ist weder möglich noch notwendig. Zweifellos liegt
es im Interesse der Kurden, eine demokratische Union mit der Türkei
aufzubauen. Wenn eine demokratische Lösung in vollem Umfang verwirklicht
wird, dann wird sie wahrscheinlich ein erfolgreicheres und realistischeres
Model darstellen als eine Autonomie oder selbst eine Föderation.
In diese Richtung führt uns der praktische Lauf der Dinge ohnehin..."
"... Gesellschaften , in denen die Demokratie Wurzeln schlagen
kann, sind gewöhnlich solche, deren schwierigste Probleme in einem
revolutionären Ausbruch an die Oberfläche gekommen sind, die
dann versuchen, die verbliebenen Widersprüche und die darin zum Ausdruck
kommenden Interessen mit gewaltfreien Mitteln zu lösen unter Beteiligung
der Einzelnen und sozialer Gruppen, d.h. mit Hilfe von Parteien und öffentlichen
Institutionen. Hat eine Gesellschaft erst einmal diesen Grad an Reife
erreicht, besteht das ganze Problem darin, die Prinzipien und Einrichtungen
der Demokratie angemessen zu definieren und sie zu den vorhandenen Problemen
in Verbindung zu setzen...."
"... Als zum Zusammenbruch der faschistischen Regime und der
Gesamtentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg noch die Auflösung des
Realsozialismus in den Neunzigern kam, nahm das demokratische System Einfluss
auf die Türkei, wie es auch die übrige Welt beeinflusste. Das
Hineinwachsen der kurdischen Bewegung in eine echte Volksbewegung war
sicher ebenfalls sehr wichtig. Die Massendemonstrationen in den 90er Jahren
liefen im Grunde auf eine ausgewachsene demokratische Revolution hinaus...
Wenn die Linke in der Türkei diesen Prozess gründlich verstanden
und sich ihm mit ihrer eigenen Partei angeschlossen hätte, und, noch
einmal, wenn der Guerillakrieg mit den Waffenstillstands-Ouvertüren
von 1993 sein Ende gefunden hätte, und in demokratische Politik umgewandelt
worden wäre, hätte die Türkei sicher an diesem Punkt ihrer
Geschichte einen erfolgreichen Sprung in Richtung auf eine demokratische
Republik tun können. Leider hat aber die Ciller-Karayalcin-Regierung
der Spezialkriegsführung von 93-96 [Ciller war zu dieser Zeit Ministerpräsidentin
und Karayalcin Oberkommandierender der Streitkräfte] diese positive
Entwicklung aus Spiel gesetzt, indem sie den Staat in eine Mafiastruktur
zwang, so dass es zu schwerwiegenden Änderungen, schmutzigem Krieg,
Schuldenwirtschaft und extrem degenerierter sozialer Korruption kam. Auf
diese Weise wurde das Fundament für das Verhalten der Armee seit
95 bis zum heutigen Tage gelegt... Die demokratische Qualität der
Republik wird in dem Maße gesichert sein, wie mit der PKK die Position
der kurdischen Gesellschaft in der Demokratie unabwendbar legitimiert
wird..."
"...Wir wenden uns nicht gegen die Republik als solche, sondern
gegen all ihre oligarchischen und antidemokratischen Aspekte in der Türkei
und den feudalen Glauben, seine Wertmaßstäbe und Strukturen
im Herzen der Gesellschaft, in die wir geboren wurden. In der Folge ist
das Ziel also eine demokratische Republik: Freie Bürger und eine
freie Gesellschaft verwirklicht in ihrer Verfassung. Die Republik kann
durch unsere Aktivitäten nur an Stärke gewinnen. Solchermaßen
haben wir unsere Pflicht zur Modernität interpretiert: Sich nicht
auf diese Weise zu engagieren, wäre geradezu respektlos gewesen gegenüber
der Republik..."
Die PKK hat sich diese Auffassung offiziell auf dem 7. Außerordentlichen
Parteikongress im Herbst 1999 zu eigen gemacht. Der demokratische Kampf
der Massen um Grundrechte und Freiheiten sollte die Basis für einen
Wandel in der Türkei schaffen, der es der türkischen Bevölkerung
erlauben würde, gegen jene Oligarchie zu kämpfen, die auch sie
unterdrückt, ohne dabei vom chauvinistischem Geschrei über die
Unvermeidbarkeit von Terrorismusbekämpfung unter der Leitung einer
Elite, die von Militarismus und organisiertem Finanzverbrechen durchsetzt
ist, aufgesaugt zu werden.
Besonders die kurdische Bevölkerung in den vom Krieg betroffenen
Gebieten fand schnell heraus, dass ihre Interessen und Wünsche sich
in einem solchen politischen Prozess widerspiegelten. In Diyarbakir, dem
politischen Zentrum der Kurdengebiete, wo die Besuche der Regierungsoffiziellen
gewöhnlich von allgemeinen Hartals, Streiks, bei denen man das Haus
nicht verlässt, begleitet werden, begrüßte jetzt eine
Ansammlung kurdischer Frauen in ihren traditionellen Kleidern Ecevit und
sein Gefolge mit Sprüchen und Geheul in ihrer Muttersprache und ließen
Hunderte weißer Tauben in den Himmel steigen. Vielleicht hat all
dies die türkischen Führer mehr geärgert und erschreckt
als das frühere völlige Fehlen von einheimischen Zuschauern
(die zu sehen man ja ohnehin noch nie gekommen war). Die 37 kurdischen
Stadtverwaltungen einschließlich der Stadt Diyarbakir, die seit
den Kommunalwahlen im April 1999 von der HADEP regiert wurden, bemühten
sich sehr, die Forderungen der örtlichen Bevölkerung nach besseren
kommunalen Diensten, kulturellen Einrichtungen und politischer Repräsentation
zu erfüllen - vielleicht das erste Mal, dass sich die Kurden mit
ihrer lokalen Regierung identifizieren konnten ( deren Möglichkeiten
innerhalb des starken türkischen Zentralismus streng begrenzt sind).
Kolumnisten und Kommentatoren begannen das "Kurdenproblem" zu
diskutieren, eine Formulierung, die bisher noch nie benutzt wurde, da
es lediglich ein "Terrorproblem" gab. Hochrangige Juristen nahmen
das Schlagwort von einer "demokratischen Republik" bei ihren
Reden zur Amtseinführung auf und ein neuer Staatspräsident,
Necdet Sezer, wurde ins Amt gewählt, ein ehemaliger Richter, der
nicht müde wurde zu betonen, wie wichtig der Rechtsstaat sei. Menschenrechtsverletzungen
gingen deutlich zurück. Die PKK sandte zwei Gruppen freiwilliger
Vertreter in die Türkei, eine aus den Reihen der Guerilla in den
Bergen, eine andere aus dem europäischen Exil. Sie sollten die Botschaft
überbringen, dass die Partei bereit sei am politischen Leben teilzunehmen,
wenn eine bedingungslose Amnestie erklärt und die Todesstrafe abgeschafft
würde. Die erste Gruppe hatte zumindest lange und aufrichtige Gespräche
mit hochrangigen Generälen. Überall wurde über Änderungen
der Verfassung gesprochen und die Erfüllung der Kopenhagener Kriterien
als Basis für den Beitritt zur Europäischen Union.
DIE KRISE
Weniger als ein Jahr später gelang es Kräften in der Türkei
und den USA, die feudalen Stammesführer der PUK (Patriotische Union
von Kurdistan) unter der Führung von Dschalal Talibani durch finanzielle
Zuwendungen dazu zu bringen, die Stellungen der PKK im Nordirak anzugreifen
mit der Absicht, sie wieder in den bewaffneten Kampf hineinzuziehen. Auch
die ruhige Situation zu Hause hatte die türkische Elite nicht dazu
veranlasst, den Kurden Grundrechte einzuräumen. Allerdings waren
Bruchlinien aufgetreten innerhalb jener Teile der Elite, die sich die
Rückkehr zum unerbittlichen Staatsterror und eine Fortsetzung der
autistischen aggressiven Politik der Türkei wünschten. Diese
basierte auf dem schwarzen Sektor der Ökonomie, auf Korruption und
dem Umlenken staatlicher Gelder. Es gab diejenigen, die vom status quo
erheblich profitiert hatten und diejenigen, die sanfte demokratische Reformen
wollten, gute Regierung, westliche Liberalität und den Beitritt zur
Europäischen Union. Die zweite Gruppe ist nicht so lautstark wie
die erste und schlechter organisiert. Und auch die arbeitende Bevölkerung
der Türkei ist nicht hinreichend organisiert und zusammengeschlossen,
um sie wirksam zu unterstützen; sie ist nicht einmal in der Lage,
ihre eigenen unabhängigen Interessen zu vertreten. Die Spaltung hat
sich deshalb nicht in einer demokratischen Öffnung niedergeschlagen
und keine greifbaren Fortschritte im Hinblick auf den weithin ersehnten
rechtlichen, politischen oder sozialen Wandel erkennen lassen.
Der IWF und die Weltbank waren bereit, ihren Griff um die daniederliegende
türkische Wirtschaft zu verstärken und die Einführung internationaler
Schiedsgerichte durchzusetzen. Zudem wollten sie eine Heraufsetzung des
Renteneintrittsalters auf etwas mehr als die durchschnittliche Lebenserwartung.
In den Gefängnissen begannen Mitglieder linksradikaler türkischer
Organisationen einen Hungerstreik gegen die Einführung von Hochsicherheitszellen,
die die herkömmlichen Schlafsäle ablösen sollten, nach
dem Muster der Gefängnissysteme in Amerika oder Europa. Der Hungerstreik
wurde zum unerbittlichen Todesfasten, ohne dass es gelang größere
Teile der türkischen Bevölkerung zur Unterstützung für
die Forderungen der Inhaftierten zu gewinnen.
Sie wiesen die Forderungen der Kurden nach einer Generalamnestie als Ausdruck
des Wunsches zurück, sich in ein System einzugliedern, das gestürzt
werden musste und beschränkten sich deshalb auf den Kampf gegen die
Isolationszellen. Die kurdischen Gefangenen andererseits kritisierten
die Unbeweglichkeit des linken türkischen Randes in der Frage eines
ausgehandelten Kompromisses und ihren Mangel an Interesse für die
sozialen Fragen außerhalb ihrer eigenen unmittelbaren Lage. Diese
fehlende Einigkeit sollte hohen Tribut fordern. Als Gespräche zwischen
Gefangenen und Behörden schließlich trotz der Vermittlung bekannter
Personen scheiterten, als eine maoistische Organisation schließlich
die Verantwortung für den Tod zweier Schutzmänner in Istanbul
übernahm, strömten mehrere tausend bewaffneter Bereitschaftspolizisten
in die Straßen, um einen Protestzug gegen Menschenrechte und eine
geplante Amnestie aufzuhalten. Sie versammelten sich im Hof des Polizeipräsidiums
und bedrohten einige gemäßigtere Vorgesetzte und beweisen auf
diese Weise, dass die faschistische Bewegung die Masse der Stadtpolizei
hervorragend infiltriert und organisiert hatte.
In den Morgenstunden des 19. Dezember 2000 griffen Sicherheitskräfte
verschiedene der Gefängnisse an, in denen die Hungerstreikenden eingesperrt
waren, und töteten insgesamt 32 Insassen durch Schüsse, Granaten
und indem sie Schlafsäle, in denen sich die erschöpften Hungerstreikenden
befanden, in Brand setzten. Auf CNN verplapperte sich ein türkischer
Journalist, der zuvor als intimer Kenner der Szene vorgestellt worden
war und erzählte, der Angriff auf die Gefängnisse sei lange
im Voraus geplant und nur verschoben worden, als einige bekannte Persönlichleiten
ihre Vermittlung angeboten hätten.
Als schließlich das Amnestiegesetz verabschiedet wurde, stellte
es sich als eine Art Massenentlassung auf Bewährung heraus. Die Haftzeiten
für Kriminelle wurden drastisch reduziert, während politische
Gefangene vollständig ausgenommen waren. Die Forschungsstiftung für
Gesellschaft und Recht (TOHAV) hat es übernommen, die Beschwerden
von 1274 politischer Gefangener, die von diesem Gesetz ausgenommen waren,
vor den Europäischen Gerichtshof zu bringen, mit der Begründung,
es sei diskriminierend.
Im Januar 2002 ging der Hungerstreik immer noch weiter und die Gesamtzahl
der Todesopfer liegt nun bei 85. Weitere 150 sind dem Tode nahe. Die ohnehin
geringe öffentliche Unterstützung für die Hungerstreikenden
wurde erfolgreich zum Schweigen gebracht.
Während die hungerstreikenden Gefangenen getötet wurden und
die PKK sich einer Offensive Talibanis im Nordirak im Dezember 2000 gegenübersah,
geriet die Türkei in eine ernste wirtschaftliche Krise, ausgelöst,
als über Nacht der Kurs der türkischen Lira freigegeben wurde
und diese gegenüber allen anderen Währungen dramatisch verlor.
In der Folge kam es zu Steigerungen der Verbraucherpreise um mehrere hundert
Prozent in verschiedenen Branchen. Gleichzeitig kam es zu Massenentlassungen.
Vor der Abwertung entsprach ein US Dollar etwa 650.000 Lira und kletterte
danach auf bis zu 1.5 Mio Lira. Während die Regierung vorher verkündet
hatte, sie wolle die Inflationsrate auf 35 % im Jahre 2001 drücken,
betrug sie nun für dieses Jahr 88.5 %. Nach offiziellen Zahlen wurden
zwischen Januar und September 2001 eine Million Menschen entlassen. Was
nun könnte den IWF, abgesehen von dem was wir von seiner Gesamtstrategie
wissen, dazu gebracht haben, seine eigene Währungsklammer zu lösen?
Vielleicht der massive Rückzug ausländischer Investoren (dieser
sank um 45 %, gleichzeitig sank der Börsenindex von 15,000 auf 7,000)?
Warum aber kam es zu diesem plötzlichen Rückzug ausländischer
Investoren? Die Hauptursache hierfür lag, darin stimmen die Analytiker
überein, im Zusammenbruch verschiedener privater und öffentlicher
Banken, ruiniert durch die bedenkenlosen Praktiken jener politischen Figuren
und ihrer Freunde, die wir bereits erwähnt haben. Nach Schätzungen
sollen mindestens 17 Milliarden Dollar auf diese Weise von staatlichen
Banken und 18 Milliarden Dollar von Privatbanken in private Taschen geflossen
sein. Weniger als 15% der Gesamtsumme konnte bis jetzt zurückgeholt
werden. Als nächstes muss man dann fragen: Wie konnten diese Cliquen
glauben, sie könnten kaltblütig Milliarden stehlen und davonkommen?
Die indiskutable politische Dominanz, derer sie sich erfreuten, während
der Krieg gegen die Kurden in vollem Gange, ging parallel mit einem wirtschaftlichen
Prozess, der vor dem Hintergrund der typischen Allianz von politischer
Elite und Finanzkapital einen großen Teil der Grundlagen der gegenwärtigen
Krise legte. Der Finanzsektor wurde reich mit den Superprofiten aus den
enormen Staatsanleihen, die die türkische Regierung ausgeben musste,
um den Krieg von den achtziger Jahren bis in die späten neunziger
zu finanzieren. ( Wie dies genau geschehen konnte, lässt sich im
Detail bei dem Wirtschaftswissenschaftler Fikret Baskaya nachlesen in
"Turkish Economy in the Prongs of War and Rent"; eine Diskussion
dieser Arbeit hier würde jedoch den Rahmen dieses Artikels verlassen).
Heute sind etwa 70% aller Bankgeschäfte, einschließlich derer
öffentlicher Banken, in irgendeiner Form mit Staatsanleihen verknüpft;
lediglich 30 % entstammen dem Realsektor der Wirtschaft. Selbst 60 % der
Gewinne der größten türkischen Konzerne sind Zinsen aus
Staatsanleihen. Die Inlandsschulden haben inzwischen eine Höhe von
110 Milliarden Dollar erreicht, die Auslandsschulden sind etwa genauso
groß. Bis November 2001 gab die Regierung 54.4 % ihres gesamten
Haushalts, d.h. 80 % der Steuereinnahmen, für die Tilgung inländischer
und ausländischer Kredite aus, während nur 4.8 % in Investitionen
ging. In Anbetracht dieser Zahlen kommt man leicht zu dem Schluss, dass
es offenbar gemeinsame Interessen zwischen in- und ausländischen
Kreditgebern der türkischen Regierung gibt. Hinzu kommt, dass sowohl
die externen Faktoren, die die Dynamik des Weges in die wirtschaftliche
Krise bestimmt haben, wie der Druck des IWF auf die Türkei, als auch
interne Faktoren wie die unvermeidliche Korruption der gesamten Wirtschaft,
bis zu dem Zeitpunkt zurückverfolgt werden können, an dem die
kurdische Frage eskaliert ist. Belege hierfür konnten wir in den
vorangegangen Abschnitten liefern.
DIE EINGABEN AN DEN EUROPÄISCHEN GERICHTSHOF
Unter diesen Umständen ist es auch im direkten Interesse der Türkei,
ein wirklich demokratisches System aufzubauen, um die kurdische Frage
zu lösen. Dies würde gerade auch für die arbeitende Bevölkerung
von Nutzen sein. Bei der Lösung, die Öcalan vorschlägt,
geht es nicht um passende oder unpassende Zugeständnisse der anderen
Seite, sondern um das Handeln für das gemeinsame Wohl: "Einheit
in Freiheit". Während er in seiner Verteidigung auf Imrali 1999
diese Punkte auf einer pragmatisch-politischen Ebene ansprach, blieben
die wissenschaftliche und ideologische Dimension seines Ansatzes, seine
historischen und soziologischen Grundlagen unklar. Öcalan selbst
sagte, seine Verteidigung während des Verfahrens auf Imrali sei wenig
mehr als ein Aufruf zum Frieden gewesen, unter Umständen, die eine
Deeskalation als dringend notwendig erscheinen ließen. Er wollte
aber seine Aktivitäten, Überzeugungen und Ziele in seinen Eingaben
an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg
(ECHR) vollständig darlegen. Seine juristischen Vertreter hatten
am Tag seiner Festnahme im Februar 1999 eine Individualklage bei diesem
Gericht eingelegt, um die Menschenrechtsverletzungen zu beleuchten, die
die Türkei begangen hatte, als sie Öcalan entführte und
ihm ein Verfahren machte, das mit einem fairen Verfahren nichts zu tun
hatte, um ihn anschließend zum Tode zu verurteilen. Der Gerichtshof
hat Beschwerden über Menschenrechtsverletzungen gegen Abdullah Öcalan
nach zwölf verschiedenen Artikeln der Europäischen Menschenrechtskonvention
im Dezember 2000 für zulässig erklärt und ist derzeit noch
immer dabei die Akte zu beraten. Während der Anhörung auf Imrali
hatte Öcalan festgestellt, es sei sein "größtes demokratisches
Ideal, mein Verfahren zur Grundlage für einen ehrenhaften Frieden
zu machen". Die Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof war
für ihn vor allen Dingen ein Mittel, solch einen Prozess der Versöhnung
zu diskutieren und zu fördern, nämlich die Suche nach einer
Lösung der kurdischen Frage auf internationaler Ebene. Alles, was
über den dringenden Aufruf zum Frieden hinausging, sollte während
der Verhandlungen vor dem Europäischen Gerichtshof folgen.
Das Dokument, das Abdullah Öcalan für seine Beschwerde beim
Europäischen Gerichtshof entwarf, ist ein zweibändiges Werk,
in dem die Umstände seines Falles und die Situation der Kurden vor
dem Hintergrund ausführlicher historischer, philosophischer, politischer
und juristischer Argumentation diskutiert wird. "Von der sumerischen
Theokratie zu einer Republik des Volkes. Eine Verteidigung des freien
menschlichen Wesens" liefert eine gründliche Analyse der sozialen
Struktur des Mittleren Ostens als Ergebnis mehrerer Jahrtausende lang
aufeinander aufbauender, sich ergänzender und sich widersprechender
Schichten von Zivilisation. Dies beginnt mit dem ersten der Forschung
bekannten staatlichen Gebilde in Sumer im vierten Jahrtausend vor Christus
und endet vorläufig bei der amerikanischen Vorherrschaft der zweiten
Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts n.Chr. Sein Gedanke der Emanzipation
ist verknüpft mit dem Aufruf zu einer tiefgreifenden Demokratisierung
und einer Renaissance des Mittleren Ostens. Diese könnte eine Art
Gegenmittel zum "Zusammenstoß der Kulturen" sein, wie
er von einigen US-Kulturwissenschaftlern behauptet wird, und zu einer
Synthese der Kulturen führen, in der die Völker des Mittleren
Ostens sich als freie und gleiche Mitglieder einer Weltgemeinschaft einrichten,
zu deren Anfängen und Aufstieg sie in der Vergangenheit einige bedeutende
zivilisatorische Errungenschaften beigetragen haben. Der Widerspruch zwischen
vergangener Größe und gegenwärtiger Ohnmacht ist in den
Köpfen der Menschen des Mittleren Ostens noch immer lebendig. Öcalan
äußert sich daher eindeutig dahingehend, dass der Pfad zur
Befreiung von fremder Herrschaft notwendig über die Auflösung
atavistischer und antidemokratischer Strukturen in Staat, Gesellschaft
und Mentalität der mittelöstlichen Völker gehen muss. Sein
Ziel ist eine demokratische Föderation des Mittleren Ostens. Er entwickelt
konkrete Vorschläge für eine Lösung der kurdischen Frage
in jedem der Länder, in denen Kurden leben - Türkei, Iran, Irak
und Syrien - im Rahmen einer Demokratisierung der gesamten Region.
Diese Theorie verbindet den Kampf gegen religiöse Rückständigkeit
und lokale Nationalismen als auch die Zurückweisung positivistischer
eurozentristischer Konzepte der Modernisierung und westlicher politischer
Dominanz. Der Titel des Buches spiegelt die Aktualität der historischen
Analyse für den gegenwärtigen Kampf und die Kontinuität
historischer Ansammlung von Erfahrung wider. Dadurch bietet seine Theorie
auch eine Alternative zu klassischen Theorien historischen Fortschritts.
Das Hauptinstrument des Kampfes sei, so nimmt er an, zivilgesellschaftliche
Organisation auf Graswurzelebene, die dritte Sphäre, nicht Staat
und nicht traditionelle Gesellschaft, ein friedlicher Kampf der Massen,
in dem die Führung an die Frauen und die Jugend fällt - eine
neue Ära demokratischer Serhildan, die jedoch über nationalistische
Forderungen hinausweisen und gleichzeitig den demokratischen und fortschrittlichen
Geist bewahren, der in der bejahenden Äußerung der kurdischen
Identität liegt. Die Bemerkungen Abdullah Öcalans in seiner
Verteidigungsschrift über das Gebiet um seine Heimatstadt Urfa einschließlich
der archäologischen Stätte Haran wurden für ein zweites,
derzeit anhängiges Verfahren in der Türkei niedergeschrieben
und können als programmatisch betrachtet werden, für das, was
er für die gesamte kurdische Region vorschlägt. Ohne die kurdische
Gesellschaft zu idealisieren, macht er deutlich, wie stark hier die feudalen
Traditionen noch immer sind.
"Mehr noch, hinsichtlich der geistigen Einstellung gibt es mehr
als nur ein paar Reste des sumerischen Systems. In den ländlichen
Gebieten herrscht eine weitgehend neolithische Mentalität vor. Kapitalistische
Wertsysteme funktionieren im wesentlichen nicht. Sie funktionieren nur
in einem technischen Sinn. Urfa und seine Umgebung sind mehr oder weniger
ein Land in einem Land. Pluralismus sitzt noch immer fest in den ethnischen
und kulturellen Strukturen. Man kann es ansehen als eine Miniatur des
mittelöstlichen Mosaiks von Gesellschaften...
Unsere erst Aufgabe muss die geistige Revolution sein. Ihre Bedeutung
wird klar und deutlich, sobald man einen Blick auf die gewohnheitsrechtlichen
Tötungen von Frauen wirft. Wenn ein Verhalten, das man als natürliches
Recht einer Frau ansehen darf, ihre Familie veranlasst, sie zu töten,
dann gibt es dort eine außerordentlich gefährliche Situation...
Konservatives Verhalten dieser Art bezieht seine Stärke aus der Wirklichkeit
der herrschenden, ausbeutenden Klasse. Diese existiert seit Jahrtausenden
und neuerdings entwickelte kapitalistische Beziehungen würden dieses
Verhalten nur festigen. Sie würden es nicht auflösen. Doch auch
hier wird historische Erfahrung zu einem Quell der Stärke..."
"Jede Intervention in der Region auf einer ideologischen Ebene
muss nach demokratischen Kriterien geschehen... Nichts könnte für
Urfa wertvoller sein als Demokratisierung. Es braucht ein Demokratisierungsprojekt
genauso sehr wie das GAP (wirtschaftliches Entwicklungsprogramm für
Südostanatolien; Bau vieler großer Staudämme an Euphrat
und Tigris zur Bewässerung und Stromerzeugung)... Am allermeisten
ist allerdings ein umfassendes Projekt der Zivilgesellschaft von Nöten..."
Öcalan sagt in Anspielung auf die populäre mittelöstliche
Legende aus dem jüdischen Buch der Jubiläen und dem Koran, wonach
Abraham Haran verlassen und nach Kanaan gehen musste, weil er Götzenbilder
in einem Tempel zerstört hatte und deshalb in eine direkte Auseinandersetzung
mit dem Tyrannen Nimrod geriet:
"Soweit die Mentalität betroffen ist, brauchen wir so etwas
wie eine verjüngte Abrahamitische Offensive. Die heutigen Götzenbilder
sind nur zahlreicher und standfester. Sie haben Köpfe und Herzen
paralysiert. Deshalb müssen wir sie mit der Axt der Moral und intellektuellen
Kraft im Geiste Abrahams treffen. Weil wir zu wirklichem Respekt für
die Religion und heilige Werte verpflichtet sind, drängt es uns auf
dem Wege einer solchen Offensive zurückzuschlagen. Eine Revolution,
die die gegenwärtigen Götzenbilder zerschlägt, wird in
eine wahre Renaissance münden..."
Für Öcalan war die Erfindung der monotheistischen Religion,
wie sie Abraham zugeschrieben wird, eine emanzipatorische Reaktion der
semitischen Stämme, die die assyrische und babylonische Götzenanbeterei
als Ideologie der herrschenden Mächte zurückwiesen, in denen
sie nur die Unterworfenen sein konnten. Doch sein Vergleich dieser Ideologie
mit der hegemonialen Ideologie des gegenwärtigen Imperialismus ist
nicht nur metaphorisch, sondern erklärend. Er findet die Grundstrukturen
des Letzteren in embryonaler Form beim Prototyp der Ideologie der damaligen
herrschenden Klasse wieder, der sumerischen Mythologie.
Phänomene wie Massenwanderung von der Peripherie ins Zentrum oder
Befreiungskämpfe der Peripherie lassen sich nicht nur im Jahre 2000
n.Chr., sondern auch im Jahre 2000 v.Chr. beobachten. Die Herrschaft des
Staates und des Zentrums beruht jedoch niemals nur auf physischer Gewalt,
sondern immer auch auf ideologischer Vorherrschaft über seine eigene
Bevölkerung und die der Peripherie. Diese Ideologie erscheint in
der Geschichte zumeist in Form der Religion.
Für Öcalan ist eine Theorie, die "die ideologische Macht
an der Wurzel des Staates als einfaches Abbild betrachtet", zwangsläufig
begrenzt und sogar gefährlich. "Das Kapital kann die soziale
Realität als Ganzes nicht erklären, sondern führt mutatis
mutandis direkt in eine andere Form desselben Idealismus, den es so heftig
kritisiert, vergleichbar mit der Selbstauslieferung des "Realsozialismus"
in die Arme des Kapitals. Aus den dargestellten Gründen scheint es
unvermeidlich, dass fehlerhaftes marxistisches Denken uns genau an diesen
Punkt führt."
Während Öcalan untersucht, wie sumerische Priester den Tempel
als "Gebärmutter des Staates" aufbauten und unmittelbar
im Anschluss an die erste Klassengesellschaft, die der Geschichtsschreibung
bekannt ist, zu einer Einrichtung der sozialen Organisation, politischen
Verwaltung und ideologischen Vorherrschaft machten, legt er die Betonung
auf ein methodologisches Konzept von Geschichte und berücksichtigt
dabei besonders die Dialektik der Geschichtsschreibung und die Geschichte
der Unterdrückten, die sich mit hermeneutischen Mitteln erschließen
lässt.
Das Schreiben selbst und mit ihm die aufgezeichnete Geschichte sind Mittel
der Regierung der herrschenden Klasse, der Priester. Epistemologisch gesprochen
hat es die nicht nur die Tendenz sich mit dem zu überlappen und ein
wenig alles zu verbergen, was dann als "Vorgeschichte" oder
"Nicht-Geschichte" bezeichnet werden muss, es entsteht auch
unter Bedingungen, wo die Verdrehung der Geschichte allmählich erklärte
Absicht wurde.
Dies betrifft sowohl die Zeiten vor der Entwicklung der Schrift, als
auch Völker und Gebiete, die keine Schrift besitzen (bis sie in einem
manchmal deutlich späteren Abschnitt durch ein sich ausbreitendes
Reich unterworfen werden). Geschriebene Geschichte ist auf diese Weise
Geschichte, die gegen die Geschichte der Menschen der arbeitenden Massen,
Sklaven und Bauern geschrieben wurde, gegen die Geschichte der "Anderen",
der ethnisch Unterdrückten. Und bis heute gegen die Geschichte des
Geschlechts, der versklavten Frau. Es ist "die Geschichte des Verbrechens".
Die Grundbedingungen all dieser Formen der Unterdrückung entstehen
in Sumer genau zu der Zeit, zu der die Schrift aus dem "Geröll
der archäologischen Stätten auftaucht". Die Entwicklung
der Schrift und die Überlieferung ihres Gebrauchs sind eng verknüpft
mit dem Prozess der Entwicklung von Mechanismen für das Sammeln,
die Verwaltung, Aneignung und Gewinnung eines sozialen Überschusses,
eines Prozesses, der gleichzeitig Formen und Institutionen zur Unterdrückung
der Frauen in Tempel und Familie entwickelt, die Unterdrückung der
sich schindenden Massen in der Klassengesellschaft, die Unterdrückung
von Bauern, Nomaden und Mitgliedern anderer ethnischer Gruppen in Territorialstaaten
und sich ausdehnenden Reichen. Öcalans Interesse an den Anfängen
der Geschichte ist zudem von unmittelbarem praktischen Wert für die
emanzipatorischen Bemühungen seiner Bewegung zu einer Zeit, wo diese
ihren Anspruch verteidigt, den Mythos vom "Ende der Geschichte"
anzufechten. Als Öcalan sich noch in Syrien aufhielt, sagte er einmal
während eines Unterrichtsgesprächs über Geschichte:
"Das Ende enthält im Grunde den Anfang, andersherum gesagt,
Merkmale, die in den Anfängen der Geschichte auffindbar sind, zeigen
offenkundig ihre Gegenwart am Ende...
"Ein Ansatz, der die Tatsache erläutert, dass Geschichte im
Heute verborgen ist und wir in den Anfängen der Geschichte, kann
uns helfen, unseren Weg zu finden. Er beinhaltet die Chance, den falschen
Kurs zu beenden, den die Geschichte nimmt, seine Schwindel erregende Geschwindigkeit."
Die Tatsache, dass sich Abdullah Öcalan auf eine Kritik der Zivilisation
konzentriert, wäre weniger überraschend, wenn man Zugang zu
einigen seiner früheren Texte hätte, insbesondere zu Aufzeichnungen
von Unterrichtsgesprächen mit Parteikadern, in denen er fortschrittliche
und authentische Ideen in Fachgebieten wie Philosophie, Geschichte, Pädagogik,
Sozialpsychologie, Geschlechterstudien und Kulturtheorie entwickelte.
Einiges davon wurde zwar auf Türkisch veröffentlicht, jedoch
nichts auf Englisch oder in einer anderen europäischen Sprache.
Selbst zu Zeiten, als sich der Krieg auf dem Höhepunkt befand, ermutigte
Öcalan seine Leute, schöpferisch über Fragen im Umkreis
der Geisteswissenschaften nachzudenken:
"Wir sind nicht nur mit Politik befasst, sondern wir versuchen
Grundprobleme des Lebens zu lösen... Wenn in unserem Leben Krieg
eine wichtige Rolle spielt, dann weil im gegenwärtigen Stadium starre
Prinzipien und bloße Moral uns nicht ein einziges Jahr durchstehen
lassen würden... Es ist der Ernst der sich abzeichnenden Gefahren,
die die Menschheit zu verschlingen drohen, der mich gezwungen hat, bis
zu diesem Punkt zu kommen."
Wenn man 'From Sumerian Theocracy towards a People's Republic' liest,
wird deutlich, dass Öcalan die "erfundene Tradition" einer
kurdischen Nation aus einem Guss in der Geschichte als einzige Bewohner
des Bodens, der jetzt die Streitfrage zwischen PKK und Türkischer
Republik bildet, verächtlich ablehnt.
Seine Perspektiven der Befreiung sind nicht eindimensional auf historisch
legitimierte Ansprüche auf ein Heimatland der Kurden gegründet.
Vielmehr erkennt er die Realität einer multiethnischen Struktur an,
die als Modell für eine demokratische Föderation der Völker
des Mittleren Ostens dienen kann. Er betrachtet alle Völker und Gesellschaften
des Mittleren Ostens als Produkt der Verschmelzung und des Verkehrs verschiedener
Kulturen, Traditionen und Stämme. Die Entwicklung einer ethnischen
und, in einem viel späteren Stadium, nationalen Identität ist
für ihn eine Schutzreaktion der Stämme gegen aggressive Versuche
expandierender Reiche, sie einzuverleiben und zu versklaven.
Seine Ideen drücken eine fundamentale Ablehnung dessen aus, was
er einen "primitiven Nationalismus" nennt und wie eine begeisterte
Herausforderung eurozentristischer Ideen zu einer Lösung der kurdischen
Frage und "ihrer Nachahmung durch Intellektuelle der Peripherie",
mit den Worten des Argentinischen Philosophen der Befreiung, Enrique Dussel.
Das Buch enthält ferner eine detaillierte Analyse des Feudalzeitalters,
in dem der Islam im Osten entstand, der Geburt des Kapitalismus in Europa
und seine Ausbreitung über die ganze Welt und sucht nach konkreten,
lokalen Wegen zu einer globalen Alternative dazu. Öcalan stand dem
"Realsozialismus" immer kritisch gegenüber und betrachtete
ihn als ein System, das die Bedürfnisse der Menschen nach individueller
Freiheit und Demokratie nicht erfüllen konnte, dessen Begrenztheiten
so zu seinem eigenen Ende beitrugen. Diese Kritik bedeutet allerdings
keine Ablehnung des Sozialismus, sondern will einen Beitrag für einen
Sozialismus leisten, der diese Bedürfnisse erfüllt:
"Bei der Analyse von Sklavenhaltergesellschaften habe ich niemals
das Ziel aus den Augen verloren, zu zeigen, dass die Analyse des Kapitalismus
als isoliertes Element, um zu Schlussfolgerungen für oder gegen dieses
System zu kommen, eine Methode ist, die ernsthafte Mängel hat. Was
der Kern des Kapitalismus ist und welche Erfahrungen man mit ihm gemacht
hat, ja auch mit dem "Realsozialismus" insoweit er realisiert
wurde, ist im Grund nichts als eine allgemeinere und entwickeltere Form
von "Zivilisationsmerkmalen", der Erfindungen, die in den Sub-
und Superstrukturen des sozialen Aufbaus der Sklaverei und des zugrunde
liegenden Substrates verwirklicht sind."
Die Suche nach einem alternativen System bedeutet somit, dass man die
materiellen und geistigen Voraussetzungen in Frage stellen muss, mit denen
der Entwicklungsprozess dieser "Grundmerkmale der Zivilisation",
mit all seinen gegenläufigen und häufig zerstörerischen
Entwicklungen, die Menschen in allen Gesellschaften in jeweils besonderer
Weise ausgestattet hat. Für die Kurden und andere Völker des
Mittleren Ostens erfordert dies eine geistige Revolution. Für westliche
Intellektuelle ist kaum weniger notwendig:
"Alle Vergleiche zeigen, dass die Zerstörung, Folter, Hungern
und Krankheiten, die von den Menschen im zwanzigsten Jahrhundert zustande
gebracht wurden, die Summe all dessen in den vorhergehenden Jahrhunderten
übersteigen. Dies zeigt, wenn wir uns also wirklich verantwortlich
fühlen gegenüber Geschichte und Gesellschaft, dann gilt es,
die Paradigmen unseres Zeitalters, die Methoden, auf denen sie beruhen,
die Werke, die sie hervorgebracht haben, das damit verknüpfte Konzept
der Naturwissenschaften und besonders auch seine Anwendung einer radikalen
Selbstkritik zu unterziehen."
Öcalan fordert eine Selbstkritik, die keine Abkehr von menschlichen
Befreiungsutopien bedeutet, sondern vielmehr eine Reflektion der geistigen
und sozialen Voraussetzungen, die sie geformt haben und der Mittel, sie
zu verwirklichen. Er fragt nicht, ob emanzipatorische Projekte realisierbar
sind oder nicht, sondern wie brauchbar die bisher zu ihrer Realisierung
verwendeten Instrumente gewesen sind. Dies bedeutet im Hinblick auf den
Staatsapparat: "Ich werde niemals meinen Frieden machen mit dem
Instrument des Staates (als klassischem Instrument der Klassenherrschaft)
als im Gegensatz stehend zu den Menschen und der Gesellschaft... Ich werde
nicht in die Falle des Realsozialismus gehen. Den Staat durch eine Gegenkraft
zerschlagen und einen neuen an seiner Stelle errichten zu wollen ist Selbstbetrug.
Ich werde mich statt dessen darauf konzentrieren, wie man die Gesellschaft
mit Hilfe ziviler Formationen verwalten und sich dabei auf die Koordination
und technische Organisation der Gesellschaft als ganzer verlassen kann,
ohne auf physische und bewaffnete Gewalt zurückgreifen zu müssen."
Pelsin Torhildan, eine Sprecherin der Partei Freier Frauen (PJA), einer
autonomen politisch-militärischen Partei, die von kurdischen Frauen
gegründet wurde, die ihre Ausbildung im Rahmen ihrer Beteiligung
am Kampf der PKK erhielten, kommentiert Abdullah Öcalans Thesen so:
"Der Staat ist ein Modell, dessen Charakter durch männliche
Vorherrschaft vergiftet ist... Unter den gegebenen Umständen ist
der Staat ein Apparat, der die Frau mehr als jeden anderen zur Sklaverei
verurteilt, und gegen sie, mehr als gegen jeden anderen, ungleiche, repressive
und ausbeuterische Gewalt einsetzt... Es gibt keinen Aspekt an ihm, in
dem die Frau sich selbst wiederfinden könnte, der ihr erlaubte sich
auszudrücken und zu verwirklichen. Der Staat selbst schafft immerfort
die Wirklichkeit, die uns in Form der traditionellen Gesellschaft gegenübertritt.
In diesem Sinne sind traditionelle Gesellschaft und Staat zwei Institutionen,
in denen es objektiv keinen Platz für Frauen gibt. Deshalb und aus
Sicht der historischen Wirklichkeit der Frau dient es der Situation mehr,
wenn sie sich in der dritten Sphäre wiederfindet. In Anbetracht des
Freiheitsstrebens der Frauen, das sich in dem gerade begonnenen Jahrhundert
entwickelt, entsprechen die praktischen Aktivitäten dieser Ansicht..."
"...Die neuesten politischen Entwicklungen (nach dem 11. September
2001) haben wieder einmal gezeigt, wie notwendig und dringend Organisation
in der dritten Sphäre ist. Wir glauben, dass die Theorie der dritten
Sphäre die Theorie der Selbstverwirklichung der Frau ist, dass man
sie die Sphäre ihres eigenen Willens, ihrer Kraft und Befreiung nennen
kann..."
"... Die Partei freier Frauen PJA ist der deutlichste Beweis,
dass man dies erreichen kann. Heute ist die kurdische Frau und ihre Partei,
die am besten organisierte Kraft in der ehrgeizigen Auseinandersetzung
um die Führerschaft bei der Demokratisierung der Gesellschaft des
Mittleren Ostens. Als eine Bewegung, die im Mittleren Osten entstanden
und ihre Kraft aus den historischen Werten bezieht, die sich dort angesammelt
haben, ist einer der grundlegenden ideologischen Ansätze der PJA,
ihren Freiheitskampf und alles Schöne, das er schaffen wird, mit
allen Frauen des Mittleren Ostens zu teilen, seien sie aus Arabien, Persien,
Armenien, der Türkei, Syrien oder einem anderen Land. Seine Basis
ist wissenschaftlich und rechtmäßig und kann nur gestärkt
werden und wachsen, um mit den gemeinsamen Anstrengungen aller Frauen
des Mittleren Ostens die bestmögliche Zukunft zu schaffen. Die Erwartungen
und Hoffnungen waren noch nie so groß..."
"...In diesem Sinne ist die neue ideologische Identität,
die geschaffen werden soll, notwendig eine weibliche Identität, da
die Vorbedingung einer Demokratisierung des Mittleren Ostens, einer neuen
zivilisatorischen Entwicklung, die Erneuerung seiner ideologischen Identität
ist und bedeutet, dass es ihm gelingt, sich selbst als Alternative aufzubauen..."
"..Eine Ideologie aus den eigenen kräftigen historischen
Wurzeln der Region hervorzubringen ist der Kern einer radikalen Lösung
ihrer Probleme. Die Kultur der Mutter Gottheit im Mittleren Osten repräsentiert
die Ideologie jenes Zeitalters und bildet eine starke Grundlage. Sie erhält
ihre Kraft aus den Werten, die sie der Menschheit mitgegeben hat, aus
ihrer Liebe zur Freiheit und ihrem Verständnis der Gerechtigkeit.
Während sich die neue ideologische Identität der Frau bildet,
muss man sich auf diese historischen, kulturellen Werte verlassen und
sich an ihren Farben erfreuen. Sei es die Wirtschaft, Politik, Recht,
Kultur und Kunst, Gesellschaft, Familie, Umwelt - die Frau muss sich darin
widerspiegeln mit Hilfe alternativer Projekte, die sie aufbauen muss.
Dies kann sie praktisch erreichen, indem sie die Zivilgesellschaft entsprechend
der Wirklichkeit im Mittleren Osten organisiert. Denn die Zivilgesellschaft
ist eine Formierung der Individuen, die ihre Rechte einfordern und nach
ihrem eigenen Willen handeln. Damit die Umformung der Gesellschaft und
die Wiedergeburt der Gesellschaft als Demokratie gelingen, muss sich die
Frau organisatorisch dafür einsetzen sie beständig stärken."
Die Bemerkungen von Torhildan lesen sich wie eine Antwort auf Abdullah
Öcalans Gedanken über die kurdische Gesellschaft in seinen Eingaben
an den ECHR. Dort drückt er seinen Respekt für die neugegründete
PJA so aus: "Sie haben einen historischen Schritt getan auf dem Weg
in die Selbstbestimmung. Dies ist ein sehr wichtiges Mittel, um Widersprüche
aufzudecken und zu lösen." Dennoch sei es außerordentlich
wichtig, dass sie ihre ideologische, programmatische und praktische Linie
auf eine "Analyse der historischen und zeitgenössischen Dimensionen
der Geschlechterfrage in der wissenschaftlichen Betrachtung gründeten",
stützten, die dem historischen und sozialen Inhalt der mittelöstlichen
Mythologie, Religion und Philosophie ihr Recht gebe.
Wie Pelsin Torhildan anerkennt, verdankt die PJA Abdullah Öcalan
"eine Methode der Ausbildung, die bei Frauen die Fähigkeit entwickeln
will, ihren Körper zu lieben und ihm zu vertrauen, ihren eigenen
Verstand zu benutzen und ihre Gedanken zu ordnen, ihre Seelen von bedeutungslosen
Sorgen, Ängsten, Tabus und vorgetäuschter Liebe von Zehntausenden
von Jahren zu befreien und auf diese Weise ihre Emanzipation voranzutreiben."
Dann fügt sie hinzu, "der Prozess z.B. des Aufstellens einer
Frauenarmee war für uns gleichzeitig ein viel stärkerer, wirkungsvollerer
und erfolgreicherer Erziehungsprozess als er durch irgendeine andere soziale
Umgebung, Schule oder Lehrer jemals erreicht werden könnte."
[...] "Eine Frau", so meint sie, "die den Wert und die
Schönheit erreicht, die sie verdient, wird gleichbedeutend sein mit
einem sich erhebenden, demokratischen Mittleren Osten, der seine Probleme
friedlich löst."
Wenn er auf sein politisches Leben vor der Entführung zurückschaut,
erinnert sich Abdullah Öcalan, dass die Aktivitäten der Bewegung
für "die Freiheit der Frau [...] die schwierigsten waren, soweit
es mich betrifft; sie verdienen Vorrang vor allen Aktivitäten für
die Befreiung der Heimat und der Arbeit. Die Frau war das am radikalsten
unterdrückte Objekt der Reaktion und der Sklaverei. Oberflächlich
betrachtet scheint es, als sei der Unterschied zwischen den Geschlechtern
zur Rechfertigung gemacht worden für Ungleichheit und Unterdrückung.
Ein tieferer Blick in die Geschichte zeigt allerdings, dass Frauen die
ersten Opfer überhaupt von sozialer und politischer Dominanz waren.
[...] Erst nachdem die Frau versklavt und in ein loyales und zahmes häusliches
Objekt (nicht Subjekt) verwandelt worden war, kam die Zeit, die Klassengesellschaft
zu schaffen und den Staat."
Auf diese Weise wird die Einheit von historischer Analyse und täglicher
politischer Arbeit in der Theorie von Abdullah Öcalan immer aufrechterhalten
ebenso wie in der Theorie der Freie Frauen Partei, die von seinen Ergebnissen
angeregt wurde.
Im zweiten Band der Arbeit wird die konkrete Situation der Kurden genauer
diskutiert. Praktische Vorschläge für eine Lösung werden
entwickelt. Dabei wird der analytische Kontext berücksichtigt, mit
dem der Imperialismus die Kurden "geteilt und beherrscht", mittels
ständiger Verschwörungen unterdrückt. Auf diese Weise legt
die Analyse jeder Tragödie in der langen Geschichte der Kurden eine
Chance der Befreiung in revolutionärem Handeln offen: "Sehnsucht
nach Geschichte, wiederherstellen, was von der Geschichte ausgelöscht
wurde, tun was bisher in der Geschichte nicht getan werden konnte, das
hat unseren Handlungen den Stempel aufgedrückt," sagte Öcalan
einmal, als er noch frei war. Die Rolle, die die europäische Menschenrechtsgesetzgebung
bei der Lösung der kurdischen Frage spielen kann, wird kritisch untersucht:
"Es wird nicht einmal möglich sein, die Wirklichkeit vollständig
zu sehen, wenn wir uns selbst in der Realität der Türkei oder
auch der des Mittleren Ostens begraben. Es ist sehr wichtig, nach der
Wurzel des Problems zu sehen und nach einer Lösung in der europäischen
Zivilisation zu suchen." Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich
mit Öcalans persönlichem Leben während des Aufbaus der
Organisation seit ihren Anfängen als einer Studentengruppe um 1973
bis zu ihrer Entwicklung zu einer internationalen Bewegung, die zum Ausdruck
der Identität eines Volkes wird. Während der erste Band eine
weitgehend theoretische Analyse liefert, beschäftigt sich der zweite
Teil intensiv mit praktischen Vorschlägen für kurdische Politik.
Öcalan macht jedoch klar, dass es sich dabei nur um Vorschläge
handelt und dass er nicht einverstanden ist damit, wir sehr sich die kurdische
Bewegung ihre Politik auf seine Person und seine Situation konzentriert.
DIE GEGENWART
Die Angriffe des 11. September 2001 fanden statt, als die Eingaben für
den ECHR gerade konzipiert und vorbereitet wurden. Von diesem Zeitpunkt
an wurden anstelle der "Synthese der Zivilisationen" und von
Demokratisierung und Versöhnung der "Kampf der Kulturen",
der "Kreuzzug gegen den Islam" und der "Krieg gegen den
Terrorismus ganz oben auf die Tagesordnung gesetzt. Die PKK hat diese
grausamen Angriffe auf Zivilisten unmissverständlich verurteilt und
die USA aufgefordert als Antwort auf diese Situation ihre Mittelostpolitik
zu überdenken. In einer Erklärung für eine überregionale
deutsche Tageszeitung sagte Duran Kalkan, einer der Parteiführer,
internationale Initiativen seien notwendig, um sowohl den islamischen
Extremismus als auch die amerikanische Aggression einzudämmen und
um zu helfen, Frieden und Demokratie im Mittleren Osten zu etablieren.
Kalkan betonte, der israelische Staatsterrorismus und die wahllosen Angriffe
von fanatischen Palästinenserorganisationen auf Zivilisten hätten
gegenseitig Gewalt und Zerstörung in so große Wut, Hass und
Nationalismus gesteigert, dass dies eine ernsthafte Bedrohung der Menschlichkeit
darstelle. Diese Erklärung wurde nie veröffentlicht. Statt dessen
diskutierte die Europäische Union, ob Vermögenswerte der Organisation
im Zuge des "Krieges gegen den Terrorismus" eingefroren werden
sollten. Ganz wie der israelische Sprecher, der der Zeitschrift "The
Economist" zu Protokoll gab, die Angriffe des 11. September seien
ja wohl das größte Public-Relations-Ding zugunsten von Israel
in den letzten zehn Jahren. Die Türkei verlangte sofort, die Kurden
dürften von der Kampagne des Westens nach Artikel 5 des NATO-Statuts
nicht ausgenommen werden, und ließen es sich nicht nehmen zu erklären,
all die Menschenrechtsverletzungen, für die man die Türkei in
der Vergangenheit milde getadelt hatte, könnten rückblickend
jetzt als legitimiert betrachtet werden.
Bereits vor dem Beginn der Bombardierung von Afghanistan, hatten Vertreter
der PKK gewarnt "Afghanistan ist nur die Probe, der wirkliche Krieg
wird gegen den Irak stattfinden." Wenn auch der Sturz des irakischen
Regimes des Kurden einen gewissen Status bringen würde, so forderte
man kurdische Organisationen doch auf, sich amerikanischen Bemühungen,
sie zu instrumentalisieren, zu widersetzen. Die internationale Gemeinschaft
insgesamt wurde aufgerufen, das Kriegstreiben zu beenden und sich allen
Initiativen entgegenzustellen, die das Ziel hätten, entlang des Gürtels
von Pakistan nach Libanon vollständige amerikanische Vorherrschaft
aufzubauen. Nur eine freie Verbindung der mittelöstlichen Staaten
könne die Wurzeln der Probleme beseitigen, die zum 11. September
geführt hätten. Gleichzeitig jammerte die Türkei über
die Aussicht eines kurdischen Staates, der im Nordirak etabliert werden
könnte im Zusammenhang mit einer Intervention. Gleichzeitig bekräftigte
sie ihre volle Unterstützung für den "Krieg gegen den Terror".
.Die gesamte Führung war bis Januar 2002 in die USA gereist, um zusätzliche
Kredite für die Wirtschaft zu sichern. Frühere Erklärungen
der türkischen Führung lassen vermuten, dass dabei auch Forderungen
nach amerikanischer Rückendeckung für ein türkisches Vorgehen
gegen die PKK-Verbände im Nordirak auf den Tisch kamen. Ecevit äußerte
"die Türkei wird an der Operation teilnehmen, ob sie das nun
will oder nicht. Was dann an der Börse geschieht, weiß Gott
allein." Offensichtlich waren aber beide Seiten sehr zufrieden mit
dem Ergebnis der Gespräche. Journalisten ließen jedoch erkennen,
dass es unwahrscheinlich sei, dass die USA ihr Konzept an türkische
Wünsche anpassen.
Analytiker nehmen an, die PKK sei militärisch stark genug, um sich
für den Fall eines bewaffneten Angriffs auf ihre Lager im Nordirak
zu verteidigen. Die Organisation erklärte, sie sei auf alle Eventualitäten
vorbereitet, werde sich aber an ihr Prinzip aktiver Selbstverteidigung
halten. Angesichts der bevorstehenden Irak-Intervention, hielten es die
türkischen Sicherheitskräfte für richtig, alles zu tun,
um zum Konzept '93 zurückzukommen. Um europäischen Forderungen
zu genügen verabschiedete das Parlament im Oktober 2001 vierunddreißig
Verfassungsänderungen, die in den Nachwehen des Militärputsches
von 1980 vorgelegt worden waren, u.a. eine Begrenzung der Höchstdauer
von Polizeigewahrsam auf vier Tage in Übereinstimmung mit europäischen
Standards. Die Staatsschutzabteilung der Gendarmerie begann jedoch sofort
damit, eine zweifelhafte Verordnung anzuwenden, nach der der Polizeigewahrsam
jeweils um 10 Tage ausgedehnt werden konnte, wenn es um "Notstands"-Situationen
ging. Bisher wurden 12 Personen in den Ostprovinzen für bis zu 44
Tage zum Verhör festgehalten und dabei fortlaufend schwer gefoltert.
Ein Staatssicherheitsgericht in Diyarbakir entschied, diese Verordnung
setze die Verfassungsvorschrift außer Kraft. Seit September gibt
es eine Zunahme willkürlicher Festnahmen kurdischer politischer Aktivisten.
Wieder einmal sind die Kurden auf den Beinen und fordern ihre Bürgerrechte.
Die kurdischen Frauen haben angefangen auf den Strassen traditionelle
kurdische Kleider zu tragen und Kurdisch zu sprechen. Als Studenten eine
Kampagne mit dem Ziel der Einführung von Kurdisch als Wahlfach in
den Universitäten begannen und dazu individuelle Anträge bei
ihren Rektoraten einreichten, folgten über 10.000 Studenten ihrem
Beispiel, darunter auch eine große Zahl von Türken und Studenten
anderer sprachlicher oder ethnischer Herkunft. Ähnliche Anträge
wurden zu Hunderten von den Eltern von Schülern bei den Schulbehörde
ihrer Wohngebiete eingereicht. Das Ancien Regime hat jedoch deutlich gemacht,
wie sehr es sich vor einer Bürgerrechtsbewegung fürchtet, gerade
auch wenn sie von Kurden angeführt wird, ungeachtet der jüngsten
Verfassungsänderungen, mit denen die Bezeichnung "verbotene
Sprachen" abgeschafft und der Gebrauch des Kurdischen und seine Verwendung
in Funk und Fernsehen erlaubt wurde. Die Petitionen der Studenten werden
mit dem Hinweis kriminalisiert, sie seien nur ein Mittel der PKK bei ihren
Bemühungen, sich selbst als politische Organisation zu etablieren.
Die Staatsanwaltschaften wurden im Januar 2002 vom Innenministerium angewiesen,
alle Studenten und Eltern, die derlei Anträge einreichten, wegen
"Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation" anzuklagen.
Hierauf stehen bis zu zwölf Jahre Haft. Bis zum 23. Januar waren
85 Studenten und mehr als 30 Eltern schon im Gefängnis und mehr als
1000 Menschen, darunter viele Jugendliche, festgenommen. Der HADEP wurde
eine Frist von 30 Tagen gewährt, um ihre letzte Eingabe für
das Verfahren zu machen, in dem es um die Schließung dieser Partei
geht. Das Verfahren ist bereist seit 1998 anhängig. Ob es nun zu
eine Schleißung kommt oder nicht, die Verteidigung will jetzt in
jedem Fall die derzeitige Ungewissheit beenden. Das Buch eines amerikanischen
Autors über amerikanischen Interventionismus wurde indiziert, weil
es feststellt, dass Tausende kurdischer Dörfer im Verlaufe verschiedener
Feldzüge der Armee gewaltsam geräumt und zerstört wurden,
was selbst von der Migrationskommission des türkischen Parlaments
zugegeben wird. Selbst wohlbekannte Fakten dürfen offensichtlich
nur kritikfrei wiedergegeben werden. Der Aram Verlag bedient in der Hauptsache
ein basisorientiertes Publikum. Möglicherweise wurde dieses spezielle
Buch indiziert, weil es eine amerikanische Politik kritisiert, die schwere
Verbrechen an den Kurden ermöglicht hat. Jedenfalls muss sich der
Verleger des Buches jetzt vor Gericht verantworten und mit bis zu sechs
Jahren Gefängnis rechnen.
Am 14. Januar 2002 veröffentlichten die türkischen Sicherheitskräfte
eine Erklärung mit einem Ultimatum an die PKK, sie solle beweisen,
dass ihre Absicht, "die Türkei nicht zu spalten" ernst
gemein sei. Weiter heißt es, alle Initiativen im Hinblick auf Kurdisch
als Wahlfach an Schulen und Universitäten seien von "der Terrororganisation
PKK" inszeniert und keineswegs "eine harmlose Forderung nach
kulturellen Rechten" sondern Teil des "Plans die Türkei
zu teilen." Sobald erst einmal gefordert werde, die Kurden hätten
ein Recht auf Unterricht in Kurdisch, "sie sind ja schließlich
Kurden", dann seien auch Forderungen nicht mehr fern wie "Kurden
sollten kurdische Geschichte und Geographie auf allen Stufen des Bildungssystemslernen",
"kurdische Geschäftsleute sollten sich zusammenschließen",
"man sollte kurdische Anwaltskammern einrichten". Dies schaffe,
natürlich, Teilung und Spaltung, die sich auf die Gesellschaft auswirken
werde. Am Ende stehe der Terrorismus. Was aber sollen die Kurden tun,
um zu beweisen, dass sie nicht die Absicht haben, die Gebiete östlich
des Taurus abzutrennen? Alle kurdischen "Organisationen, die im Ausland
tätig sind, müssen das Wort Kurdistan aus ihren Namen streichen".
Der Fernsehsender Medya-TV darf in seinen Nachrichtensendungen nicht mehr
unsere südostanatolischen und ostanatolischen Gebiete "kurdische
Provinzen" nennen, nicht auf Türkisch und auch nicht in den
beiden kurdischen Dialekten.
Dieser Nachrichtensender soll nicht mehr ausschließlich nur die
Wetterlage über den erwähnten Gebieten zeigen. Der Kurdische
Nationalkongress muss aufgelöst werden und Projekte wie ein Institut
für kurdische Philologie, eine kurdische Enzyklopädie oder auch
ein kurdischer Wirtschaftskongress müssen beendet werden. Armenische
oder aramäische Gruppen, die gegen die Türkei international
zu Felde ziehen, dürfen nicht unterstützt werden. Schließlich
heißt es: "Alle Mitglieder der Terrororganisation müssen
ihre Waffen niederlegen und sich den Sicherheitskräften stellen."
Weniger als das, so klingt es unausgesprochen in der Erklärung mit,
bedeute den casus belli.
Eine Woche später antwortete die PKK-Führung auf dieses "Ultimatum"
mit der Bemerkung, bei dem Wort "Kurdistan" handele es sich
um eine geographische Bezeichnung, die sich nicht auf politisch getrenntes
Land beziehe und rief die Kurden auf, von ihren verfassungsmäßigem
Recht Gebrauch zu machen, und rechtlich gegen Fehlgriffe der Justiz im
Zusammenhang mit den Petitionen vorzugehen. Im Übrigen sei diese
Erklärung, selbst wenn man sie als eine Art Versuch werte, in einen
Dialog zu kommen, doch eher etwas rückständig: Die türkischen
Behörden hätten ja wohl mittlerweile merken müssen, dass
die Kurdische Frage zu ernst sei, als dass man sie auf solch lächerliche
Weise abhandeln könne. Nichtsdestoweniger sei man bereit nachzudenken,
falls im Gegenzug die Regierung auch kurdische Forderungen erfülle:
"... Zuerst müssen die Bedingungen, unter denen die Kurden
leben müssen verbessert werden. Sie müssen mehr Freiheiten bekommen.
Zweitens, wenn die Regierung will, dass die Guerilla ihre Waffen niederlegt,
muss sie eine Generalamnestie erklären. Niemand möchte verhaftet
und gefoltert werden - und schon gar nicht unsere Guerillas, die selbstbewusst,
entschlossen und gut ausgebildet sind..."
Die Frage also bleibt: Muss man sich wirklich für einen neuen Krieg
entscheiden oder reicht es laut auszurufen, dass der Kaiser nackt ist?
Istanbul im Januar 2002
Geschrieben von einem Kollektiv von Journalisten und wissenschaftlichen
Mitarbeitern im Namen des Aram Verlages. 
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