|
Die Stendaler Ärztin und Bürgerrechtlerin Dr. Erika Drees gehörte
einer Delegation von Frauen an, die im November diesen Jahres zur Prozessbeobachtung
in die Türkei reiste.
|
“In
Bingöl gelten eure Gesetze nicht”
Eine
Frauendelegation besucht einen Strafprozess
von
Dr. Erika Drees
Die Legislative in der Türkei ist im Rahmen der Anpassung an die
Erwartungen der Europäischen Union offenbar wesentlich menschenfreundlicher
als die Exekutive.
Kurdische Frauen haben
im Frühjahr und Sommer 2003 eine fast sokratische Initiative zur
gewaltfreien Verständigung zwischen den unterschiedlichen Bestrebungen
in diesem Vielvölkerstaat begonnen.
Sie haben mit dem bewährten Symbol der "Runden Tische"
in der Türkei zum Dialog aufgerufen. Es geht ihnen um demokratische
Beteiligung - auch der Frauen - an den aktuellen politischen Entscheidungen.
Sie fordern von der türkischen Regierung in Ankara
- eine würdevolle,
friedliche Verständigung anstelle eines demütigenden Reuegesetzes
- eine Generalamnestie
für alle aus politischen Gründen gefangen gehaltenen Menschen
- Demokratisierung
statt staatlicher Repression und Folter
Sie wollen z.B. ungestört
und angstfrei ihr Newroz-Fest zum Frühlingsbeginn feiern, die mörderische
Einzelhaft von Abdullah Öcalan auf Imrali, der Gefängnisinsel,
beendet wissen, ihre Farben rot-grün-gelb öffentlich und ohne
Furcht vor Bestrafung tragen, ihre kurdische Sprache, Lieder und Namen
erhalten und so die Minderheitenrechte ihrer kurdischen Identität
angemessen wahrnehmen.
In Bingöl war
am 7. November 2003 eine von CENI (Kurdisches Frauenbüro für
Frieden e.V. in Düsseldorf) organisierte Frauendelegation aus Deutschland
unterstützend bei einem Strafprozess gegen 125 kurdische Frauen anwesend.
Die Hoffnung auf einen fairen Prozessverlauf durch die Anwesenheit von
uns 6 deutschen Frauen ging nach Meinung der betroffenen angeklagten Frauen
und ihrer Anwältinnen in Erfüllung, so dass beim nächsten
Verhandlungstermin am 23. Januar 2004 mit einem Freispruch gerechnet werden
kann.
Im Zuge der Annäherungsversuche
der Türkei an die Europäische Union hat das Parlament in Ankara
u.a. auch das Versammlungsgesetz reformiert, so dass, wie bei uns in Deutschland
angemeldete politische Kundgebungen erlaubt sind.
Nach erfolgreichen und gut besuchten "Runden Tischen" in Istanbul,
Adana, Ankara, Diyarbakir u.a. erklärten jedoch die Bingöler
Provinzbehörden (Bingöl ist eine kleine Gebirgsstadt im Süd-Osten
Anatoliens und war jahrelang Schauplatz blutiger Guerilla-Kämpfe
und soll jetzt Stützpunkt der Hisbolla-Führung sein): "Hier
in Bingöl gelten die Gesetze, die ihr kennt, nicht."
125 Vertreterinnen von 39 unterschiedlichen Organisationen waren am 16.
Juni 2003 nach Bingöl gereist, für eine Welt ohne Gewalt, in
der sich jeder sicher fühlt.
Diese Frauen und zwei sie unterstützende Männer wurden mit roher
Gewalt gefangen genommen und 16 Stunden in Gewahrsam gehalten und danach
angeklagt wegen des angeblichen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz.
Diese Anklage der Staatsanwaltschaft diente offenbar der Machterhaltung
traditioneller patriarchaler Strukturen und der Verhinderung oppositioneller
Tendenzen, die besonders im Südosten der Türkei gegen Diskriminierung
der Minderheiten, Willkür, Gewalt und Folter auftreten.
Obwohl ich inhaltlich kaum etwas verstanden habe, gewann ich den Eindruck,
dass der Prozess sachlich und ohne Diskriminierung der 91 erschienenen
angeklagten Frauen verlaufen ist.
Entsprechend fröhlich und gelöst war die Stimmung nach den 10
Stunden währenden Vernehmungen. Der Richter hat sich mit durchdringender
Stimme und angemessener Autorität bei ständig laut klappernder
Schreibmaschine um die Klärung der Ereignisse am 16. Juni 2003 bemüht.
Die Frauen, die alle einzeln zur Aussage an die Barriere gerufen wurden,
wirkten auf mich sowohl gewaltfrei wie auch selbstbewusst und entschieden.
Die meisten sprachen frei und mit starker Emotion über ihre Motive
und die brutale Behandlung, die sie in Bingöl erlitten hatten.
Wenn ich bedenke, dass bei Verurteilung 3-6 Jahre Gefängnis vor ihnen
liegen würden, so war das Ganze wesentlich brisanter als unsere Situation
in der DDR bei Gründung des NEUEN FORUM im September 1989.
Mich hat dieser entschlossene Aufbruch, der unter den Frauen in Istanbul
wie in Kurdistan zu spüren war, aber sehr an unsere Wendezeit erinnert.
Daher kommt mein Optimismus, dass die Frauen bald wirklich politisch etwas
bewegen werden - und nicht erst, wenn sie Großmütter sind,
wie eine junge Frau resignierend bemerkte.
Wir haben in diesen
Tagen auch die "Mütter für den Frieden" erlebt, die
umgeben von einer riesigen Polizeiübermacht, erkennbar an ihren weißen
spitzengeschmückten Kopftüchern, in Diyarbakir eine Mahnwache
hielten. Sie alle haben in den vergangenen 20 Jahren durch Krieg und Guerilla-Kampf
Ehemänner und Söhne verloren.
Trotzdem stehen sie nun für Dialog und Versöhnung und gewaltfreie
Verständigung, drohender Folter trotzend, auf öffentlichen Plätzen.
Diese Mahnwache, die wir nur am Rande miterlebten, ist ohne Gewalt verlaufen.
In Deutschland
müssen wir uns fragen, wieweit unsere Regierung durch politische
Beziehungen zur Türkei, durch Waffenlieferungen, Verbrüderung
zwecks wirtschaftlicher Vorteile, sowie die Asylpolitik, durch die politisch
engagierte Kurden immer wieder ihren Folterern in die Arme abgeschoben
werden, die immer noch herrschende patriarchale Gewalt mit zu verantworten
hat.
Dennoch haben wir jetzt während des Bingöl-Prozesses genauso
wie im März 2003 während des Kriegsbeginns und des besonders
spannenden Newroz-Festes in Diyarbakir viel Gastfreundschaft und Dankbarkeit
von unseren kurdischen Gesprächspartnern erfahren.
So schloss ein Abgeordneter der DEHAP (demokratische Volkspartei) seine
Abschiedsrede an uns mit den Worten: "Wir danken euren Füßen,
die euch in unser Land getragen haben."
|