| Ist
Isolation Folter?
Über
die Haftsituation von Abdullah Öcalan
von
John Tobisch-Haupt
Seit fünf Jahren wird Abdullah Öcalan von der Außenwelt
isoliert gefangengehalten. Seine Gesundheit ist aufgrund der unmenschlichen
Haftbedingungen stark angegriffen. Die zur Anwendung kommenden Maßnahmen
haben hingegen der kleinen Gefängnisinsel Imrali traurige Berühmtheit
beschert. Imrali ist für das kollektive Gedächtnis der Kurden
zum Menetekel geworden.
Imrali steht
aber auch für die Isolation eines Problems, mit der die kurdische
Frage von der Agenda der europäischen Staaten ferngehalten werden
soll. In den vergangenen Monaten kam es vielerorts zu zahlreichen Protestaktionen
von Kurden, welche die Aufhebung der Isolationshaftbedingungen forderten.
Dabei kam es in der Türkei immer wieder zu Zusammenstößen
mit den Sicherheitskräften.
Wie gestalten
sich diese Bedingungen, für deren Aufhebung Zehntausende demonstrieren?
Welche gesundheitlichen Beschwerden hat der Kurdenführer, weshalb
sich die Kurden derart sorgen? Im folgenden soll davon die Rede sein:
Vorgeschichte:
Am 15. Februar
1999 wurde Abdullah Öcalan auf dem Weg von der Residenz des griechischen
Botschafters in Nairobi (Kenia) zum Flughafen entführt und in dem
Flugzeug eines türkischen Ge-schäftsmannes gefesselt in die
Türkei gebracht. Ein Piratenakt, der eine wochenlange Odyssee zwischen
Damaskus, Moskau, Amsterdam, Rom und Athen beendete - der kriminelle Schlusspunkt
unter einem wenig überzeugenden Kapitel europäischer Rechtskultur.
Die Entführung war ein Gemeinschaftswerk der Geheimdienste der Türkei,
der USA und Israels, soviel ist heute sicher. Gleichgültig, ob die
Regierung Kenias über das Kidnapping informiert war und ihm stillschweigend
zugestimmt hat, nach den Strafnormen aller beteiligten Staaten ist es
eine Freiheitsberaubung gewesen und damit strafbar. Seit dem 16. Februar
1999 wird Abdullah Öcalan auf der türkischen Gefängnisinsel
gefangen gehalten. Sein Gesundheitszustand ist stark angegriffen, was
Anlass zur Sorge um Leib und Leben Abdullah Öcalans gibt.
Imrali:
Imrali ist
eine im türkischen Marmarameer liegende Insel. Die klimatischen Bedingungen
sind rau, es herrscht eine hohe Luftfeuchtigkeit.
Mit dem Beginn des ersten Weltkrieges wurde aufgrund militärischer
Erwägungen die dortige Bevölkerung umgesiedelt. Auf den Überresten
einer alten Kirche erbaut, wurde 1935 das uns heute bekannte Gefängnis
in Betrieb genommen. Mit der Verbringung Abdullah Öcalans nach Imrali
wurden sämtliche Insassen der Festung in andere Gefängnisse
verlegt und die gesamte Insel zum militärischen Sperrgebiet erklärt.
Während der fünfjährigen Gefangenschaft Abdullah Öcalans
baute der türkische Staat das Gefängnis zur hochmodernen Hochsicherheitsfestung
aus.
Heute wird das gesamte Inselgebiet lückenlos von Kameras überwacht.
Der Luftraum über der Insel, sowie das umliegende Seegebiet unterliegen
strenger militärischer Kontrolle. Ein Passieren der Kontrollpunkte
bzw. das Betreten des Hochsicherheitstraktes ist nur nach einem Iris -
und Handflächen-Scan möglich, die bei erstmaligem Betreten nach
dem ersten Scanvorgang gespeichert werden. Für die lückenlose
Überwachung des Sperrgebietes sind ca. 1000 Soldaten stationiert,
die auch als Wachpersonal im Hochsicherheitstrakt eingesetzt werden.
Haftsituation
von Abdullah Öcalan:
Abdullah
Öcalan wird in einer 13 Quadratmeter großen Einzelzelle gefangengehalten,
die ein mit Milchglas versehenes Fenster besitzt.
Dieses Fenster lässt sich nur einen Fingerbreit öffnen, weshalb
eine Klimaanlage für die Luftzufuhr sorgt. Die Zelle befindet sich
in einem nochmals speziell gesicherten zweistöckigen Gebäude.
Für Körperhygiene sind Waschgelegenheit und Toilette vorhanden.
Die Zelle wird über 24 Stunden hinweg per Kamera und Türspion
überwacht.
Hierfür ist ein Überwachungsteam von speziell ausgewählten
Offizieren der türkischen Armee abkommandiert, das stetig wechselt.
(Die Beleuchtung der Zelle ist über 24 Stunden hinweg in Betrieb,
was massive Schlafstörungen verursacht. )
Im Normalfall
kann Abdullah Öcalan von seinen Anwälten eine Stunde wöchentlich
besucht werden. Seit Anfang 2002 werden Besuche immer wieder willkürlich
verhindert. Wochenlange Totalisolation ist die Folge.
Seine direkten Angehörigen können ihn einmal im Monat für
eine Stunde besuchen. Anwaltsbesuche finden in einem an die Haftzelle
angrenzenden Raum statt. Familienbesuche können hingegen nur mit
Trennscheibe und Telefon stattfinden.
Zweimal am Tag kann Abdullah Öcalan die Zelle für einen Hofgang
verlassen. Der Hofgang dauert jeweils eine Stunde und findet auf einem
40 qm großen Kiesplatz statt, der von hohen Mauern umgeben und mit
Stacheldraht überzogen ist. Dieser Raum wurde vom Antifolterkomitee
des Europarats bei einem Besuch am 2. März 1999 als ungenügend
beanstandet. Die äußeren Reize durch die Außenwelt sind
auf ein absolutes Minimum begrenzt.
Seit Anfang
2000 sind die Informationsmöglichkeiten Abdullah Öcalans sehr
stark eingeschränkt. Er hat kein Fernsehen, auch die Bücher
und Zeitungen, die ihm die Anwälte mitbringen, werden nicht oder
nur begrenzt ausgehändigt. Auswahlkriterien für diese Maßnahme
sind nicht ersichtlich.
So darf Abdullah Öcalan nur drei Bücher gleichzeitig besitzen.
Als einzige aktuelle Informationsquelle dient ein Radio, das auf einen
Kanal des Staatssenders TRT begrenzt ist. Post wird nur zensiert ausgehändigt,
wobei das wiederum nur selten geschieht. Die Beantwortung von Briefen
ist nicht möglich, da ihm das Recht auf Briefverkehr versagt ist.
Ernährung
von Abdullah Öcalan:
Obwohl das
allgemeine Haftstatut des türkischen Strafvollzuges begrenzten Einkauf
von Lebensmitteln zugesteht, wird dieses Recht Abdullah Öcalan vorenthalten.
Eine Ergänzung zu der vitaminarmen Kost ist deshalb nicht möglich.
Anwaltliche Bemühungen, diesen Zustand zu beenden, blieben bisher
erfolglos. Außer dieser willkürlichen Einschränkung ist
der Ernährung Abdullah Öcalans keine Begrenzung auferlegt. Das
Essen wird in einer eigens hergerichteten Kantine zubereitet und ist nach
Auskunft Abdullah Öcalans ausreichend.
Gesundheitszustand
von Abdullah Öcalan
Vor seiner
völkerrechtswidrigen Entführung plagte Abdullah Öcalan
lediglich eine chronische Sinusitis. Sein Gesundheitszustand war stabil.
Mit fortgeschrittener Haftdauer hat sich dieser stark ver-schlechtert.
So sind die schweren Isolationshaftbedingungen auf Imrali und die im Marmarameer
vorherrschende hohe Luftfeuchtigkeit dazu geeignet, den physischen und
psychischen Gesundheitszu-stand eines Häftlings nachhaltig zu schädigen.
Dies wurde auch vom Komitee des Europarats zur Prävention von Folter
und menschenunwürdiger Behandlung nach einem Besuch auf der Gefängnisinsel
festgestellt.
Aus diesem Grund forderte das Antifolterkomitee die Türkei auf, die
Haftbedingungen Abdullah Öcalans spürbar zu verbessern. Dieser
Aufforderung sind die türkischen Behörden bis heute nicht nachgekommen.
Durch den
permanenten Reizentzug sind mittlerweile der Geruchs- und Geschmackssinn
von Abdullah Öcalan schwer beeinträchtigt.
(Die Dauerbeleuchtung der Zelle seit nahezu 5 Jahren führt indes
zu massiven Schlafstörungen. Diese Maßnahme kann durchaus als
Folter bezeichnet werden.)
Neben seiner chronischen Stirnhöhlenentzündung machen sich auch
erste Anzeichen von Asthma bemerkbar. Auch eine allergische Nasenschleimhautentzündung,
die mit einer chronischen Angina einhergeht, erschwert Abdullah Öcalan
das Atmen.
Dies führt immer wieder zu Erstickungsanfällen im Schlaf, von
denen er sich nur schwer erholt. Nach Auskunft einiger Privatärzte
kann ein dadurch hervorgerufener Atemstillstand oder Herzinfarkt das Leben
von Abdullah Öcalan gefährden.
Die medizinische
Versorgung Abdullah Öcalans ist demnach nicht gesichert.
Aus den Einlassungen der Türkei vor dem Europäischen Gerichtshof
für Menschenrechte, die im Auftrag der türkischen Re-gierung
erstellt wurden, geht hervor, dass bisher keine adäquate Untersuchung
des Gesundheitszustandes des Kurdenführers vorgenommen wurde. Einmal
pro Woche wird er von einer dreiköpfigen Ärztekommission für
15 Minuten untersucht, die dem Gesundheitsministerium untersteht.
Keines der Untersuchungsergebnisse wird ihm mitgeteilt. Auch den Rechtsanwälten
Abdullah Öcalans wird diese Information vorenthalten, obwohl ihnen
das nach türkischem Recht zusteht.
Die Ärztekommission setzt sich vorwiegend aus Allgemeinärzten
zusammen, die nicht über ein spezielles Fachwissen verfügen.
Die Untersuchungen beschränken sich auf das Abhören mit dem
Stethoskop, auf das Puls- und Blutdruckmessen, sowie auf die äußere
Kontrolle der Atemwege und des Körpers.
Bis heute sind keine klinischen Unter-suchungsmethoden zur Anwendung gekommen;
weder Röntgenaufnahmen noch EKG und Blutabnahmen wurden durchgeführt,
da die für eine umfassende medizinische Untersuchung notwendigen
Gerätschaften nicht vorhanden sind. Auf diese Weise und in einer
derart kurzen Zeit lassen sich keine tiefergehenden medizinischen Erkenntnisse
gewinnen.
Aus diesem
Grund fordert Abdullah Öcalan die Entsendung einer unabhängigen
internationalen Ärztekommission, die ohne Zeitdruck die Ursachen
seiner Beschwerden ergründet bzw. überhaupt seinen tatsächlichen
Gesundheitszustand feststellt, um die Ergebnisse der Öffentlichkeit
zugänglich zu machen.
Schlussfolgerungen:
Sämtliche
Angaben zum Gesundheitszustand Abdullah Öcalans basieren auf Einschätzungen
seiner Anwälte, die sie aus ihren Mandantengesprächen oder auf
der Grundlage weniger ihnen vorliegender Dokumente gewonnen haben.
Eine unparteiische und fachgerechte Beurteilung ist unter den gegebenen
Umständen jedoch nicht möglich. Gerade deshalb fordert Abdullah
Öcalan die Entsendung einer unabhängigen internationalen Ärztekommission.
Klar ist jedoch, dass eine annähernd fünf Jahre dauernde Isolationshaft
zu massiven physischen und psychischen Problemen führen kann, weshalb
auch das Antifolterkomitee des Europarats eine spürbare Verbesserung
der Haftbedingungen fordert.
Dies wird auch von zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen zur sensorischen
Deprivation untermauert. Deshalb legen die Beschwerden Abdullah Öcalans
zumindest den Schluss nahe, dass sein Gesundheitszustand ernsthaft gefährdet
ist.
Abgesehen davon sind die auf Imrali festgestellten Isolationshaftbedingungen
schlichtweg unmenschlich.
Viele der dort getroffenen Maßnahmen widersprechen sowohl türkischem
als auch internationalem Recht.
Schon allein aus diesem Grund müssen sie unverzüglich aufgehoben
werden. Imrali ist und bleibt ein Sonderfall, der sich durch keine wie
auch geartete Begründung rechtfertigen lässt.
Weitaus schwerwiegender
sind die politischen Folgen, die eine weitere Verschlechterung des Gesundheitszustandes
von Abdullah Öcalan nach sich ziehen könnten.
Denn auch nach seiner völkerrechtswidrigen Entführung fühlt
sich ein Großteil der Kurden mit dem Kurdenführer verbunden,
weshalb sie bei diesem Thema äußerst sensibel reagieren.
Seinem Einfluss ist es zu verdanken, dass die kurdische Seite im türkisch-kurdischen
Konflikt nunmehr ihre Ziele mit ausschließlich politischen Mitteln
ver-tritt. Schaden an Leib und Leben von Abdullah Öcalan wird sie
nach eigenem Bekunden jedoch nicht hinnehmen. Die zunehmenden Zusammenstöße
zwischen kurdischen Rebellen und türkischem Militär zeigen,
dass die bisherige Waffenruhe äußerst fragil ist.
Internationale Bemühungen zur Entspannung der Situation sind nötig.
Forderungen:
Um eine Entspannung
der Situation zu erreichen:
·
Das Komitee des Europarats zur Verhinderung von Folter und unmenschlicher
Behandlung (CPT) muss erneut die Haftsituation von Abdullah Öcalan
untersuchen. Die ausgesprochenen Empfehlungen an die Türkei müssen
mit mehr Nachdruck verfolgt werden. Der Europarat und das Europaparlament
müssen sich der Sache konsequenter annehmen.
·
Die Entsendung einer unabhängigen internationalen Ärztekommission
durch das CPT, die den Gesundheitszustand von Abdullah Öcalan untersucht
und die Ergebnisse veröffentlicht.
·
Die Isolationshaftbedingungen von Abdullah Öcalan müssen sofort
aufgehoben werden.
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