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Noch ein Jahr Zeit 2004
entscheidet die EU über Beitrittsverhandlungen mit der Türkei
Es
steht im nächsten Jahr die Entscheidung darüber an, ob und wann
mit der Türkei konkrete Beitrittsverhandlungen über einen Beitritt
zur EU aufgenommen werden. Für uns ist ganz klar, dass die Türkei jetzt fast genau noch ein Jahr Zeit hat, das was sie als Gesetzesreformen beschlossen hat, auch in die Praxis umzusetzen. Im Dezember 2004 wird durch die EU-Kommission zu bewerten sein, ob die Kopenhagener Kriterien erfüllt sind oder nicht. Wenn ja, dann steht der Aufnahme der Beitrittsverhandlungen nichts im Wege. Die bisherigen Berichte von Hilfsorganisationen u.a. weisen auf Defizite hin, insbesondere im kurdischen Südosten des Landes. Es ist noch immer nicht gewährleistet, Kindern kurdische Namen geben zu können und auch die Einführung des kurdischsprachigen Unterrichts an Schulen und Universitäten ist nicht gewährleistet. Nach wie vor gibt es Hinweise auf Folter und eine dramatische Situation in den Gefängnissen. Das ist ja dann immer
noch eine schwierige Frage, auch wenn man die Frage nach Erfüllung
der Kriterien weitgehend mit Nein beantworten müsste. Das wäre
der türkischen Regierung ja nur schwer vermittelbar ebenso wie vielen
Gutwilligen in der Türkei, wenn der Termin dann nicht gegeben würde. An diesem Punkt vielleicht noch folgende Frage. In verschiedenen Staaten der EU wird ja zur EU-Erweiterung möglicherweise ein Referendum gemacht. Das hat Herr Fischer mit dem Wort "populistische Falle" für Deutschland abgelehnt. Sie würden also nicht sagen, dass man über neue Mitgliedsländer der Europäischen Union Referenden abhalten oder Wahlkampf machen sollte? Um eine Volksabstimmung bei uns durchzusetzen, bräuchten wir entsprechende politische Mehrheiten. Die gibt es aber nicht. Deshalb wäre als nächster Schritt ein europäisches Referendum über die Europäische Verfassung denkbar. Das würde auch eine Instrumentalisierung durch die Opposition verhindern, denn bei einem nationalen Referendum bestünde die Gefahr, dass die Opposition es zu einer Abstimmung "Türkei ja oder nein" machen würde. Den Versuch der Spaltung der Kulturen weisen wir - egal wo er unternommen wird - zurück. Es spielen am Ende sicher auch noch außenpolitische Erwägungen eine Rolle, die dazu beitragen, wie das Ganze zu beurteilen ist, insbesondere auch die Verwickelung der Kurden oder kurdischer Organisationen in den Demokratisierungsprozess. Wir haben jetzt gerade die Auflösung von PKK /KADEK und die Gründung einer neuen politischen Organisation im Nordirak erlebt. Wie stehen Sie derzeit zur kurdischen Bewegung an sich? Was die Kurden betrifft,
so haben sie wie alle das Recht darauf, dass die Menschenrechts-Kriterien
umgesetzt und eingehalten werden. Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Dieser Grundsatz gilt grenzenlos. Wir unterstützen auch in dieser
Frage jede demokratische Bewegung oder Initiative, die den Demokratisierungsprozess
in der Türkei stärkt. Die Kurden sind ja nicht nur in der Türkei beheimatet, sondern auch noch in einigen anderen Ländern der Region, so dass wir hier nicht nur ein rein innertürkisches Problem vor uns haben. Alles, was die Kurden betrifft, ist im Grunde auch ein Problem der ganzen Region, so dass man nicht einfach nur sagen kann, die Türkei muss den Kurden Minderheitenrechte gewährleisten, dann ist alles in Ordnung. Die kurdische Minderheit
ist eine riesige Bevölkerungsgruppe in der Türkei, Sie, aber
auch die Kurden in Iran, Syrien oder Russland müssen alle Rechte
erhalten. Separatismus aber lehnen wir ab. Im Nordirak kann man derzeit einen kurdischen Defacto-Staat erkennen, der dann später in einer irakischen Föderation aufgehen wird oder auch nicht. Die Entwicklung ist aber noch in keiner Weise abgeschlossen oder abzusehen. Das könnte auch in den Nachbarländern zu Bestrebungen führen, sich dem möglicherweise anzuschließen oder das zu unterstützen. Ich halte Ihre Schilderung der Situation im Nordirak für falsch. Im Nordirak strebt die Mehrheit aller Bevölkerungsgruppen ein föderales System an. Minderheiten im Nordirak werden toleriert und integriert. Die führenden Parteien KDP und PUK streben ein föderales System im Irak an Das finde ich richtig. Jetzt hat ja die PKK, bzw. die gerade neu gegründete Organisation Kongra-Gel zum wiederholten Male dem Separatismus abgeschworen, auch in ihrer Gründungserklärung. Man erklärt, wie auch schon bei der Vorläuferorganisation, man wolle sich rein politisch betätigen für kurdische Minderheitenrechte. Wie beurteilen Sie dieses Abschwören vom Separatismus? Ich finde erst einmal die politische Aussage positiv und ansonsten gilt für KADEK das gleiche wie für die türkische Regierung: Papier allein reicht nicht; die Praxis wird beweisen, ob diese Äußerungen ernst gemeint sind oder nicht. Was man bei der Umsetzung der Kopenhagener Kriterien in Bezug auf die Kurden als größter Minderheit in der Türkei bisher erkennen kann, ist dass hier weitgehend Individualrechte auf Sprachunterricht oder dergleichen installiert werden. Was könnte Europa oder Deutschland tun, damit hier echte Minderheitenrechte eingeräumt werden? BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN treten dafür ein, daß alle Minderheiten in Deutschland
oder Europa faire Chancen zur Integration erhalten. Eine Frage noch zu Zypern. Da ist in der Öffentlichkeit Unklarheit entstanden, ob denn eine Lösung der Zypernfrage eine Vorbedingung für den Beginn von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei sei oder nicht. Es ist nach Auslegung der Verhandlungsführer eine Vorbedingung. Ich gehe aber davon aus, dass im kommenden Jahr im Rahmen der Veränderungen in der Region und weiteren positiven Entwicklungen in der Türkei dort ein Kompromiss gefunden werden kann. Bevor die Republik Zypern EU-Mitglied wird? Richtig. Vielen Dank für das Gespräch, Frau Beer. |